Passionsblume (Passiflora incarnata): Die treue Begleiterin des Baldrians kann auch solo überzeugen

Blühende Passionsblume mit weiß-violetten Blüten und zahlreichen Knospen, die an einer begrünten Mauer entlangrankt.

Steckbrief

Deutscher Name: Passionsblume, Fleischfarbene Passionsblume
Wissenschaftlicher Name: Passiflora incarnata L.
Familie: Passionsblumengewächse (Passifloraceae)
Herkunft: östliches und zentrales Nordamerika sowie Bermuda
Wuchsform: ausdauernde, rankende Kletterpflanze
Verwendete Pflanzenteile: vor allem getrocknete oberirdische Pflanzenteile (Passionsblumenkraut); die Früchte sind ebenfalls essbar
Wichtige Inhaltsstoffe: insbesondere C-Glykosylflavonoide wie Vitexin, Isovitexin, Orientin, Isoorientin, Schaftosid und Isoschaftosid
Traditionelle Verwendung: bei leichter nervöser Anspannung, Unruhe und zur Unterstützung des Schlafes
Aktuelle Forschung: GABAerges System, Angst und Stress, Schlaf sowie mögliche Interaktionen mit weiteren Neurotransmittersystemen
Besonderheit: In Europa ist Passionsblumenkraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Symptome mentaler Belastung und zur Unterstützung des Schlafes anerkannt.

Nahaufnahme einer Passionsblume mit auffälligen violett-weißen Strahlenfäden, gelben Staubbeuteln und grünen Blättern.

Passiflora incarnata gehört zu jenen Arzneipflanzen, deren Geschichte gleich mehrere Welten miteinander verbindet. Ihre auffälligen Blüten wurden von christlichen Missionaren zu religiösen Symbolen umgedeutet. Ihre Früchte wurden in Nordamerika lange vor der europäischen Besiedlung gegessen. Später fand die Pflanze Eingang in die amerikanische und europäische Pflanzenheilkunde. Und heute untersucht die Pharmakologie unter anderem, wie ihre Inhaltsstoffe in jene Botenstoffsysteme eingreifen könnten, die an Stress, Angst und Schlaf beteiligt sind.

Besonders interessant ist dabei ein alter Bekannter der Neuropharmakologie: GABA.

Wer im Regal mit pflanzlichen Schlafmitteln nach Passionsblume sucht, findet sie erstaunlich oft in Gesellschaft. Baldrian ist fast immer irgendwo in der Nähe, manchmal kommen Melisse oder Hopfen dazu. Die Rollen scheinen klar verteilt: Baldrian ist der bekannte Star für die Nacht, Passionsblume die ruhige Begleiterin im Hintergrund.

Dabei wird die Pflanze damit ziemlich unterschätzt: die Passionsblume ist weit mehr als hübsche Verpackung für Baldrian. Zeit, sie einmal solo zu betrachten.

Eine Blüte, die kaum wie eine Blüte aussieht

Schon botanisch macht es einem die Passionsblume schwer, sie zu übersehen. Passiflora incarnata ist eine ausdauernde Kletterpflanze aus der Familie der Passifloraceae. Mit ihren Ranken hangelt sie sich an anderer Vegetation empor. Ihre großen Blüten bestehen aus weißen bis blassvioletten Blütenblättern und einer auffälligen, strahlenförmigen Corona aus zahlreichen violett-weißen Fäden.

Seitenansicht einer Passionsblüte mit violett-weißer Strahlenkrone, hellen Blütenblättern und markantem, erhöhtem Blütenzentrum.

Fast könnte man meinen, jemand hätte bei der Konstruktion einer gewöhnlichen Blüte irgendwann beschlossen, noch ein paar zusätzliche Ebenen einzubauen.

Passiflora incarnata stammt ursprünglich aus den zentralen und östlichen Regionen der USA sowie Bermuda. In Nordamerika ist sie auch unter dem Namen “maypop” bekannt. Der Name bezieht sich vermutlich auf die eiförmigen Früchte, die im Gegensatz zum medizinisch genutzten Kraut ebenfalls eine kleine kulinarische Geschichte besitzen. Kew führt die Art heute als akzeptierte Spezies; wissenschaftlich beschrieben wurde sie bereits von Carl von Linné 1753.

Wichtig ist allerdings die botanische Unterscheidung: Passionsblume ist nicht automatisch Maracuja. Die im Lebensmittelhandel verbreitete Passionsfrucht stammt meist von Passiflora edulis. Die Gattung Passiflora umfasst Hunderte Arten, die sich chemisch und botanisch deutlich unterscheiden können.

Warum heißt sie eigentlich “Passionsblume”?

Der Name klingt zunächst, als müsse die Pflanze irgendetwas mit Leidenschaft zu tun haben. Tatsächlich ist mit “Passion” aber die Passion Christi gemeint.

Europäische Missionare interpretierten die ungewöhnliche Architektur der Blüte als botanische Darstellung der Kreuzigung. Die fadenförmige Corona erinnerte sie an die Dornenkrone, fünf Staubblätter wurden als fünf Wunden gedeutet und drei Narben als Nägel. Auch andere Pflanzenteile wurden in diese christliche Symbolsprache integriert. Im frühen 17. Jahrhundert wurden entsprechende Deutungen in Europa schriftlich verbreitet.

Diese Geschichte ist allerdings eine europäische Interpretation einer amerikanischen Pflanze.

Lange bevor die Blüte zur christlichen Projektionsfläche wurde, war Passiflora incarnata für indigene Gemeinschaften Nordamerikas bereits eine Nutzpflanze. Ethnobotanische Quellen dokumentieren unter anderem die Verwendung bei Cherokee und Houma für medizinische Zwecke sowie die Nutzung der essbaren Früchte. Archäobotanische Untersuchungen deuten darauf hin, dass die Pflanze bereits Jahrtausende vor der europäischen Besiedlung genutzt und möglicherweise auch kultiviert wurde.

Später gelangte die Passionsblume in die nordamerikanische Pflanzenmedizin des 19. Jahrhunderts und schließlich auch in die europäische Phytotherapie. Dort verschob sich der Schwerpunkt zunehmend auf eine Eigenschaft, für die sie heute am bekanntesten ist: ihre Verbindung zu Ruhe und Schlaf.

Vom “Nervenkraut” zur europäischen Arzneipflanze

Traditionell wurde Passionsblumenkraut bei nervöser Unruhe, Anspannung und Schlafproblemen eingesetzt. Genau diese Verwendung prägt auch ihre heutige Stellung in der europäischen Pflanzenmedizin.

Die Europäische Arzneimittel-Agentur EMA führt Passiflora incarnata allerdings nicht als Arzneipflanze mit “well-established use”, also einer durch ausreichend klinische Daten etablierten medizinischen Anwendung. Sie stuft Passionsblumenkraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur Linderung leichter Symptome mentaler Belastung und zur Unterstützung des Schlafes ein. Grundlage dafür sind die langjährige Anwendung und die Plausibilität der traditionellen Verwendung.

Das klingt nach einer kleinen regulatorischen Feinheit, ist wissenschaftlich aber wichtig.

Historische botanische Illustration der Passionsblume Passiflora incarnata mit violetter Blüte, dreilappigen Blättern, Ranken, Knospe und gelber Frucht.

Denn es bedeutet nicht, dass Passionsblume pharmakologisch uninteressant wäre. Im Gegenteil. Es bedeutet zunächst nur, dass die klinische Datenlage nicht dieselbe Dichte besitzt wie bei etablierten modernen Arzneimitteln.

Und genau hier beginnt die eigentlich spannende Geschichte.

Was steckt in Passionsblumenkraut?

Medizinisch genutzt werden vor allem die getrockneten oberirdischen Pflanzenteile, also Passionsblumenkraut. Chemisch handelt es sich dabei nicht um einen einzelnen Wirkstoff, sondern um ein komplexes Gemisch sekundärer Pflanzenstoffe.

Besonders charakteristisch sind C-glykosylierte Flavonoide. Dazu gehören unter anderem Vitexin, Isovitexin, Orientin, Isoorientin, Schaftosid und Isoschaftosid. Untersuchungen zeigen zugleich, dass die Zusammensetzung verschiedener Passiflora-incarnata-Pflanzen erheblich variieren kann. Es wurden sogar unterschiedliche chemische Typen mit deutlich verschiedenen Flavonoidprofilen beschrieben.

Daneben wurden verschiedene weitere Pflanzenstoffe untersucht. Historisch tauchen insbesondere β-Carbolin-Alkaloide wie Harman, Harmin oder Harmalin immer wieder in Beschreibungen der Passionsblume auf. Moderne Analysen zeichnen hier allerdings ein differenzierteres Bild: Solche Alkaloide können in Spuren nachweisbar sein, in vielen kommerziellen Proben liegen sie jedoch nicht in relevanten Mengen vor. Die populäre Vorstellung, Passionsblume sei wegen ihrer Harmala-Alkaloide eine Art milde MAO-Hemmer-Pflanze, lässt sich daraus nicht seriös ableiten.

Für die aktuelle Forschung sind vor allem die Flavonoide und das Zusammenspiel des gesamten Extrakts interessant.

GABA: Warum die Passionsblume für die Neuropharmakologie spannend ist

Wenn das Gehirn permanent auf Sendung ist, braucht es Systeme, die neuronale Aktivität auch wieder bremsen können. Einer der wichtigsten hemmenden Neurotransmitter des menschlichen Nervensystems ist Gamma-Aminobuttersäure, kurz GABA.

Genau dieses System steht im Zentrum eines großen Teils der Passionsblumenforschung.

In-vitro-Untersuchungen mit Passiflora-incarnata-Extrakt fanden verschiedene Interaktionen mit dem GABA-System. Ein untersuchter Trockenextrakt hemmte beispielsweise die Aufnahme von GABA in Synaptosomen aus Rattenhirn und zeigte Wechselwirkungen mit GABA-A- und GABA-B-Rezeptoren. Interessanterweise verhielt sich der Extrakt dabei nicht einfach wie ein pflanzliches Benzodiazepin: Die klassische Benzodiazepin-Bindungsstelle am GABA-A-Rezeptor wurde in dieser Untersuchung nicht direkt beeinflusst.

Tierexperimentelle Arbeiten weisen ebenfalls auf eine Beteiligung des GABAergen Systems an beobachteten angstlösenden Effekten bestimmter Extrakte hin. Welche einzelnen Moleküle dafür verantwortlich sind und wie stark sich diese Mechanismen beim Menschen auswirken, ist allerdings weiterhin Gegenstand der Forschung.

Das macht die Passionsblume pharmakologisch gerade deshalb interessant, weil sich ihre Wirkung offenbar nicht sauber auf einen einzigen Inhaltsstoff reduzieren lässt. Wie bei vielen Arzneipflanzen untersucht die Forschung vielmehr ein Gemisch verschiedener Moleküle, deren Zusammenspiel noch nicht vollständig verstanden ist.

Kann Passionsblume auch ohne Baldrian überzeugen?

Genau diese Frage ist interessanter, als sie zunächst klingt. Denn klinische Studien haben Passionsblume tatsächlich auch alleine untersucht.

Eine kleine randomisierte Doppelblindstudie aus dem Jahr 2001 verglich bei 36 Patient*innen mit generalisierter Angststörung einen Passionsblumenextrakt mit dem Benzodiazepin Oxazepam. Nach vier Wochen unterschieden sich die Behandlungsgruppen hinsichtlich der untersuchten Angstsymptomatik nicht signifikant. Oxazepam setzte schneller ein, war jedoch häufiger mit Einschränkungen der Arbeitsleistung verbunden. Aufgrund der sehr kleinen Stichprobe ist daraus kein Gleichwertigkeitsnachweis abzuleiten. Die Studie war vielmehr ein frühes Signal dafür, dass eine eigenständige klinische Untersuchung der Pflanze sinnvoll sein könnte.

Auch situative Angst wurde untersucht. In einer placebokontrollierten Studie mit 60 Patient*innen reduzierte eine einmalige Gabe von Passiflora incarnata vor einer Operation die gemessene präoperative Angst, ohne dass die Forschenden eine entsprechende Zunahme der Sedierung beobachteten.

Besonders interessant ist inzwischen aber die Schlafforschung.

2011 tranken 41 gesunde Erwachsene jeweils eine Woche Passionsblumentee und eine Woche Placebotee. Die subjektiv eingeschätzte Schlafqualität war während der Passionsblumenphase signifikant besser. Andere Schlafparameter lieferten jedoch kein ebenso eindeutiges Bild.

Eine größere randomisierte, placebokontrollierte Studie untersuchte später 110 Erwachsene mit diagnostizierter Insomnie. Nach zwei Wochen nahm die mittels Polysomnographie gemessene Gesamtschlafzeit in der Passionsblumengruppe gegenüber Placebo um rund 23 Minuten stärker zu. Bei anderen Parametern wie Schlafeffizienz und nächtlicher Wachzeit zeigten sich dagegen keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.

Botanische Illustration der Passionsblume Passiflora incarnata von Mary Vaux Walcott aus dem Jahr 1926 mit violetter Blüte, Knospen, dreilappigen Blättern und Ranken.

Das ergibt ein interessantes, aber noch kein endgültiges Bild. Passionsblume besitzt inzwischen durchaus Humanstudien, auch als Monopräparat. Die Zahl und Größe qualitativ überzeugender Studien reicht derzeit jedoch nicht aus, um aus der traditionellen Arzneipflanze ein klinisch umfassend belegtes Schlaf- oder Angstmedikament zu machen. Genau deshalb bleibt die EMA bei der Einstufung als traditionelle pflanzliche Arznei.

Passionsblume als Tee: vielleicht ihre schlichteste Form

Vielleicht liegt ein Teil ihres Reizes gerade darin, dass man aus dieser pharmakologisch ziemlich komplizierten Pflanze etwas ausgesprochen Einfaches machen kann: einen Tee.

Das getrocknete Kraut hat einen eher milden, krautigen Geschmack und lässt sich allein verwenden, wird traditionell aber häufig mit anderen Pflanzen kombiniert. Baldrian ist dabei nur die bekannteste Gesellschaft. Auch Melisse oder Hopfen tauchen in historischen und modernen Rezepturen auf. Die Kombination ist also keineswegs zufällig, sondern Teil einer langen europäischen Phytotherapietradition.

Wer die Pflanze einmal unabhängig von solchen Mischungen kennenlernen möchte, findet bei Querbeet auch Passionsblumenkraut 🙂 Gerade bei getrockneten Kräutern lohnt sich ein Blick auf eindeutige botanische Bezeichnung, Herkunft und sauberes, gut getrocknetes Pflanzenmaterial. Denn bei einer Gattung mit Hunderten Arten ist “Passionsblume” als Bezeichnung allein erstaunlich unpräzise.

Und vielleicht ist das auch der bessere Zugang zu dieser Pflanze: nicht sofort nach der stärksten Wirkung suchen, sondern erst einmal herausfinden, wie sie eigentlich riecht, schmeckt und sich von den üblichen Baldrianmischungen unterscheidet.

Passionsblumentee mit getrocknetem Pflanzenmaterial, Teesieb und Tropfflasche, umgeben von frischen Passionsblüten und Blättern.

Eine Pflanze, die aus dem Schatten treten darf

Die Passionsblume hat eine merkwürdige Karriere hinter sich. Für indigene Gemeinschaften Nordamerikas war sie Nahrungs- und Nutzpflanze. Europäische Missionare sahen in ihrer Blüte die Kreuzigung Christi. Die Pflanzenheilkunde machte aus ihrem Kraut schließlich ein Mittel für unruhige Nächte.

Und die moderne Forschung schaut heute auf Rezeptoren, Neurotransmitter und Flavonoidprofile.

Vielleicht erklärt gerade diese Vielschichtigkeit, warum Passiflora incarnata bis heute interessant geblieben ist. Ihre klinische Evidenz ist noch überschaubar, aber keineswegs leer. Ihre Pharmakologie ist plausibel, gleichzeitig komplexer, als die einfache Gleichung “Passionsblume = GABA” vermuten lässt. Und als Pflanze besitzt sie ohnehin genug Eigenheiten, um keine Begleitrolle zu brauchen.

Baldrian darf trotzdem bleiben.

Aber vielleicht ist es an der Zeit, seine treue Begleiterin einmal alleine auf die Bühne zu stellen.

Zwei blühende Passionsblumen mit weiß-violetten Blüten und filigraner Strahlenkrone an einer rankenden Pflanze.

Harm Reduction

Passionsblume gilt bei traditioneller Anwendung grundsätzlich als vergleichsweise gut verträglich. Gerade ihre Verbindung mit Ruhe und Schlaf bedeutet aber auch, dass “pflanzlich” nicht automatisch “ohne pharmakologische Wirkung” heißt. Möglich sind unter anderem Müdigkeit, Schwindel und Benommenheit. Wer entsprechend reagiert, sollte nicht Auto fahren oder Maschinen bedienen.

Besondere Vorsicht ist bei der gleichzeitigen Einnahme von Medikamenten oder anderen Substanzen mit dämpfender Wirkung auf das zentrale Nervensystem sinnvoll. Dazu gehören beispielsweise Schlaf- und Beruhigungsmittel. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte mögliche Wechselwirkungen deshalb vor der Anwendung medizinisch oder pharmazeutisch abklären.

Während der Schwangerschaft sollte Passionsblume nicht verwendet werden. Für die Stillzeit liegen keine ausreichenden Sicherheitsdaten vor. Die europäische Arzneimittelmonografie beschreibt die traditionelle Anwendung für Jugendliche ab zwölf Jahren und Erwachsene; für Kinder unter zwölf Jahren wird sie aufgrund unzureichender Daten nicht empfohlen.

Auch vor geplanten Operationen sollte die Einnahme mit medizinischem Fachpersonal besprochen werden, insbesondere weil eine zusätzliche sedierende Wirkung im Zusammenhang mit Narkosemitteln unerwünscht sein kann.

Bei gelegentlicher Unruhe oder einzelnen schlechten Nächten ist der traditionelle Einsatz der Passionsblume etwas anderes als die Behandlung einer Erkrankung. Wiederkehrende starke Angst, länger anhaltende Schlafstörungen oder eine deutliche psychische Belastung sollten medizinisch abgeklärt werden.

Quellen

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