Katzenkralle (Uncaria tomentosa)

Blühende Katzenkralle (Uncaria tomentosa) im tropischen Regenwald. Die Heilpflanze zeigt kugelförmige cremeweiße Blütenstände, hakenförmige Dornen an den Blattknoten und gegenständig angeordnete, elliptische Blätter.

Steckbrief

Namen: Katzenkralle, Uña de Gato, Cat’s Claw
Wissenschaftlicher Name: Uncaria tomentosa (Willd. ex Schult.) DC.
Familie: Rötegewächse (Rubiaceae)
Wuchsform: Verholzende, kletternde Liane
Verbreitung: Feuchte tropische Gebiete Mittel- und Südamerikas
Verwendete Pflanzenteile: Vor allem Stammrinde, teilweise Wurzel und Blätter
Wichtige Inhaltsstoffgruppen: Oxindolalkaloide, Chinovasäureglykoside, Polyphenole, Proanthocyanidine und Phytosterole
Traditionelle Verwendung: Bestandteil verschiedener indigener und regionaler Pflanzenheilkunden
Psychoaktivität: Keine klassische psychoaktive oder berauschende Wirkung bekannt

Historische Illustration der Katzenkralle (Uncaria tomentosa) mit Blättern, Blütenständen, Dornen und botanischen Detailzeichnungen.

Die Regenwaldliane zwischen indigener Pflanzenkunde und moderner Forschung

Wer den Namen Katzenkralle zum ersten Mal hört, denkt vielleicht an eine kleine, wehrhafte Pflanze. Tatsächlich verbirgt sich dahinter eine kräftige tropische Liane, die sich durch das Blätterdach des Regenwaldes arbeitet. Ihre gebogenen, verholzten Haken greifen nach Ästen und Stämmen, geben Halt und ziehen die Pflanze Stück für Stück ans Licht. Sie sehen tatsächlich ein wenig so aus, als hätte eine riesige Katze ihre Krallen ausgefahren.

In Peru kennt man die Pflanze als Uña de Gato. Unter diesem Namen gelangte sie aus lokalen Medizinsystemen auf internationale Kräutermärkte, in Reformhäuser und schließlich in die Labore pharmakologischer Forschungsgruppen. Dort interessiert man sich heute für Oxindolalkaloide, Chinovasäureglykoside, Polyphenole und mögliche Einflüsse auf Entzündungssignale und Immunreaktionen.

Das klingt zunächst nach einer klassischen Geschichte vom „Heilmittel aus dem Regenwald“. Ganz so einfach ist sie jedoch nicht. Katzenkralle ist weder ein einzelner Wirkstoff noch ein einheitliches Produkt. Ihre chemische Zusammensetzung hängt davon ab, welche Pflanze geerntet wurde, wo sie wuchs, zu welcher Jahreszeit sie gesammelt und wie sie verarbeitet wurde. Gerade diese Mischung aus kultureller Bedeutung, botanischer Eigenart und chemischer Wandelbarkeit macht Uncaria tomentosa aus botanischer und pharmakologischer Sicht so spannend.

Eine Liane auf dem Weg zum Licht

Uncaria tomentosa gehört zu den Rötegewächsen und ist damit entfernt mit Kaffee, Chinarinde und Waldmeister verwandt. Anders als diese wächst sie nicht als kompakter Strauch oder Baum. Sie investiert vergleichsweise wenig Energie in einen selbsttragenden Stamm und nutzt stattdessen die Vegetation ihrer Umgebung als Gerüst.

Nahaufnahmen der charakteristischen hakenförmigen Dornen der Katzenkralle (Uncaria tomentosa). Die namensgebenden „Katzenkrallen“ wachsen an den Blattknoten zwischen den gegenständigen Blättern der tropischen Heilpflanze.

Dabei helfen ihr die charakteristischen Haken. Sie entstehen aus umgebildeten Seitentrieben und sitzen paarweise an den Knoten der Pflanze. Trifft ein Haken auf einen Ast, bleibt die Liane hängen und kann weiter in Richtung der helleren Kronenschichten wachsen. Unter günstigen Bedingungen erreicht sie beträchtliche Längen.

Ihre Blätter stehen einander gegenüber. Sie sind oval bis elliptisch, ledrig und auf der Unterseite fein behaart. Auf diese Behaarung verweist das lateinische Artepitheton tomentosa, das sinngemäß „filzig“ oder „dicht behaart“ bedeutet. Die kleinen, gelblichen Blüten stehen in kugeligen Blütenständen und wirken im Vergleich zu den auffälligen Kletterhaken beinahe unscheinbar.

Das natürliche Verbreitungsgebiet reicht von Teilen Mittelamerikas über das tropische Südamerika bis nach Trinidad. Besonders eng ist die moderne Geschichte der Katzenkralle jedoch mit Peru verbunden. Dort wachsen mehrere Pflanzen, die im Alltag Uña de Gato genannt werden. Neben Uncaria tomentosa wird vor allem Uncaria guianensis unter demselben Namen gesammelt und gehandelt.

Beide Arten sehen einander ähnlich, sind chemisch aber nicht identisch. Für Forschung, Handel und Qualitätskontrolle ist eine korrekte botanische Bestimmung deshalb wesentlich.

Blühende Katzenkralle (Uncaria tomentosa) im tropischen Regenwald mit kugelförmigen cremegelben Blütenständen, gegenständigen Blättern und charakteristischer Kletterpflanze.

Pflanzenwissen aus dem Amazonasgebiet

Die Rinde der Katzenkralle ist seit Langem Teil regionaler Medizinsysteme des westlichen Amazonasgebiets. Besonders häufig wird in der ethnobotanischen Literatur auf die Asháninka verwiesen, deren Siedlungsgebiete sich über Teile des peruanischen Regenwaldes erstrecken.

Innerhalb solcher Medizinsysteme werden Pflanzen allerdings selten nach denselben Kategorien verstanden wie in der modernen Pharmakologie. Eine Liane ist dort nicht einfach ein Behälter für isolierbare Moleküle. Ihre Bedeutung ergibt sich aus Herkunft, Zubereitung, Erfahrung, sozialem Wissen und der jeweiligen Situation, in der sie eingesetzt wird.

Aus der Katzenkrallenrinde wurden traditionell meist länger gekochte Zubereitungen hergestellt. Beschrieben sind Anwendungen bei entzündlich wahrgenommenen Beschwerden, Schmerzen, Verdauungsproblemen, Schwächezuständen und zur Unterstützung nach Erkrankungen. Je nach Region, Gemeinschaft und Quelle unterscheiden sich die überlieferten Verwendungen erheblich.

Getrocknete Rinde der Katzenkralle (Uncaria tomentosa) – zerkleinertes Pflanzenmaterial zur Zubereitung von Katzenkrallentee und pflanzlichen Extrakten.

Viele moderne Produkttexte behaupten, Katzenkralle sei bereits eine bedeutende Heilpflanze der Inka gewesen. Diese Erzählung ist eingängig, historisch jedoch nur schwer eindeutig zu belegen. Die ausführlicher dokumentierten Berichte stammen vor allem aus indigenen Gemeinschaften des Amazonasraums und aus späteren ethnobotanischen Untersuchungen.

Das macht die Kulturgeschichte nicht weniger spannend. Im Gegenteil: Sie zeigt, wie schnell komplexes lokales Wissen im globalen Handel auf einige wenige Schlagwörter reduziert wird. Aus einer Pflanze mit konkreten regionalen Bedeutungen wurde innerhalb weniger Jahrzehnte ein internationales Symbol für „Immunkraft aus dem Regenwald“.

Vom Waldrand auf den Weltmarkt

Auf Kräutermärkten in Peru liegen Bündel getrockneter Rinden neben Copalharzen, Chinarinde, Palo Santo und zahllosen weiteren Waldpflanzen. Händler unterscheiden verschiedene Qualitäten nach Alter, Dicke und Herkunft der Katzenkrallenrinde. Für viele Besucher wirkt das Sortiment wie ein Kräuterladen, tatsächlich spiegelt es jedoch über Generationen gewachsenes Pflanzenwissen wider. Zwischen den schlichten Rindenstücken verbirgt sich eine lange Geschichte regionaler Heiltraditionen, die weit älter ist als ihr heutiger Export in Form von Kapseln und Extrakten.

In den 1970er- und 1980er-Jahren wuchs außerhalb Südamerikas das wissenschaftliche und kommerzielle Interesse an der Katzenkralle. In den 1990er-Jahren stiegen die peruanischen Exporte zeitweise stark an. Getrocknete Rindenstücke, aus denen traditionell Katzenkrallentee beziehungsweise Abkochungen hergestellt werden, Pulver, Kapseln und standardisierte Extrakte tauchten auf den Märkten Europas und Nordamerikas auf.

Damit veränderte sich auch der Blick auf die Pflanze. Was zuvor Teil lokaler Heilpraktiken gewesen war, musste nun in Handelsklassen, chemische Profile und standardisierte Rohstoffe übersetzt werden. Gleichzeitig entstand die Frage, wie eine stark nachgefragte Waldliane geerntet werden kann, ohne die natürlichen Bestände dauerhaft zu schädigen.

Besonders problematisch ist die Gewinnung der Wurzel. Wird sie ausgegraben, stirbt in der Regel die gesamte Pflanze. Bei einer fachgerechten Entnahme der Stammrinde kann sich eine ältere Liane unter Umständen erholen, doch auch hier entscheidet die Erntemethode über die Nachhaltigkeit. Blätter wären als nachwachsender Rohstoff ökologisch interessant und können sogar höhere Alkaloidgehalte aufweisen als die Rinde. Tradition und Handel konzentrieren sich bislang dennoch überwiegend auf Rindenmaterial.

Heilpflanzenstand im Mercado de Belén in Iquitos, Peru. Zwischen den traditionellen Amazonaspflanzen wird auch Katzenkralle (Uncaria tomentosa) als getrocknete Rinde verkauft.

Für Käufer*innen bleibt die Qualität von außen schwer erkennbar. Grobe Rindenstücke wirken zwar ursprünglicher als ein Extrakt, sagen aber wenig über Art, Herkunft oder chemische Zusammensetzung aus. Sinnvoll sind daher transparente Angaben zur botanischen Identität, zum verwendeten Pflanzenteil und möglichst auch zur Herkunft.

Wer die charakteristische Pflanze einmal selbst ansehen, riechen oder Katzenkralletee zubereiten möchte, findet getrocknete Rindenstücke unter anderem auch im Querbeet-Shop 🙂 Gerade bei weniger bekannten Pflanzen hilft der Blick auf das unverarbeitete Pflanzenmaterial dabei, ein Gefühl für Herkunft, Struktur und Handelsqualität zu bekommen.

Bitter, holzig und weit entfernt von einem Genussmittel

Katzenkralle gehört nicht zu jenen Pflanzen, deren Beliebtheit sich durch ein verführerisches Aroma erklären lässt. Die Rinde riecht zurückhaltend holzig, leicht erdig und schmeckt herb, bitter und dezent tanninartig. Traditionelle Abkochungen sind daher eher zweckmäßige Kräuterzubereitungen als entspannte Genusstees.

Gerade diese Bitterkeit gehört jedoch zur Erfahrung der Pflanze. Sie erinnert daran, dass viele historische Pflanzendrogen nicht wegen ihres angenehmen Geschmacks verwendet wurden. Geschmack war vielmehr Teil ihrer Einordnung: bitter, adstringierend, wärmend oder kräftig. Solche sensorischen Kategorien ersetzten keine Pharmakologie, halfen aber dabei, Pflanzen zu unterscheiden und ihre Verwendung kulturell zu strukturieren.

Eine berauschende oder psychedelische Wirkung besitzt Katzenkralle nicht. Gelegentliche Onlinebeschreibungen von gesteigerter Energie, Klarheit oder einem besonderen Körpergefühl sind wissenschaftlich nicht als spezifische psychoaktive Effekte belegt. Wahrnehmungen dieser Art können durch Erwartungen, den bitteren Geschmack, die jeweilige körperliche Verfassung oder andere Bestandteile einer Kräutermischung entstehen.

Mehr als nur Alkaloide

Im Zentrum der Katzenkrallenforschung standen lange Zeit ihre Oxindolalkaloide. Dazu gehören Mitraphyllin, Isomitraphyllin, Pteropodin, Isopteropodin, Speciophyllin und verschiedene Rhynchophyllin-Verbindungen.

Besonders bekannt wurde die Unterscheidung zwischen pentazyklischen und tetrazyklischen Oxindolalkaloiden. In älteren Modellen wurden den pentazyklischen Verbindungen vor allem immunbezogene Eigenschaften zugeschrieben, während tetrazyklische Alkaloide teilweise als pharmakologisch andersartig oder sogar als Gegenspieler dargestellt wurden.

Chemische Strukturformeln wichtiger Inhaltsstoffe der Katzenkralle (Uncaria tomentosa): Pteropodin, Corynoxein und 3β,6β,19-Trihydroxyurs-12-en-28-olsäure.

Diese klare Trennung erwies sich mit der Zeit als zu schlicht. Heute ist deutlicher, dass die beobachteten Eigenschaften von Katzenkrallenextrakten nicht allein vom Alkaloidgehalt abhängen. Auch Chinovasäureglykoside, Flavan-3-ole, Procyanidine und andere Polyphenole tragen wahrscheinlich zu den biologischen Effekten bei.

Hinzu kommt eine erhebliche natürliche Variabilität. Verschiedene Populationen können unterschiedliche Alkaloidmuster bilden. Auch Blätter, junge Zweige, Stammrinde und Wurzel enthalten nicht dieselben Mengen. Jahreszeit, Standort, Alter und Verarbeitung verändern das chemische Profil zusätzlich.

Damit wird verständlich, weshalb zwei Katzenkrallenprodukte trotz identischem Pflanzennamen nicht zwingend pharmakologisch gleichwertig sind. Ein standardisierter Extrakt aus einer klinischen Untersuchung lässt sich nicht ohne Weiteres mit lose geschnittener Rinde oder einem beliebigen Nahrungsergänzungsmittel vergleichen.

Was im Labor untersucht wird

Ein Schwerpunkt der präklinischen Forschung liegt auf Entzündungsprozessen. In Zellkulturen und Tiermodellen beeinflussten Katzenkrallenextrakte unter anderem den Transkriptionsfaktor NF-κB. Dieser wirkt innerhalb der Zelle wie ein molekularer Schalter und steuert die Bildung verschiedener entzündungsbezogener Signalstoffe.

Vergleich des kanonischen und nicht-kanonischen NF-κB-Signalwegs mit Aktivierung der IKK-Komplexe, Abbau von IκB, Prozessierung von p100 zu p52 und Regulation der Transkription von Zielgenen im Zellkern.

Untersucht wurden außerdem Veränderungen bei Tumornekrosefaktor alpha, Interleukin-6, Cyclooxygenase-Signalwegen und oxidativem Stress. Neuere Auswertungen von Tierstudien kommen zu dem Ergebnis, dass Extrakte in verschiedenen Krankheitsmodellen entzündungsbezogene Marker verändern können. Die Ergebnisse sind allerdings schwer direkt miteinander zu vergleichen, weil sehr unterschiedliche Extrakte und Versuchsmodelle verwendet wurden.

Auch immunologische Mechanismen werden erforscht. Dabei geht es weniger um eine pauschale „Stärkung“ des Immunsystems als um die Frage, ob einzelne Bestandteile bestimmte Immunreaktionen modulieren können. Ein Immunsystem ist kein Muskel, der grundsätzlich möglichst stark sein sollte. Bei Allergien, Autoimmunerkrankungen und chronischen Entzündungen kann gerade eine übermäßige Aktivität problematisch sein.

Weitere Laborarbeiten beschäftigen sich mit DNA-Schäden, Zellschutz, Mikroorganismen, Nervenzellen und Krebszelllinien. Einige Extrakte oder isolierte Stoffgruppen lösten in bestimmten Tumorzellen programmierten Zelltod aus oder veränderten deren Wachstum. Das ist ein verbreiteter erster Forschungsschritt, aber kein Nachweis einer Krebsbehandlung. Konzentrationen, die isolierte Zellen im Labor beeinflussen, lassen sich nicht automatisch sicher und wirksam im menschlichen Körper erreichen.

Kleine klinische Studien, große Erwartungen

Die klinische Forschung zur Katzenkralle ist deutlich schmaler als ihre internationale Vermarktung vermuten lässt.

In einer kleinen placebokontrollierten Studie mit Patient*innen mit rheumatoider Arthritis verringerte ein standardisierter Extrakt während der ersten Studienphase die Zahl schmerzhafter Gelenke stärker als das Placebo. Andere Krankheitsparameter veränderten sich jedoch nicht eindeutig. Die geringe Teilnehmer*innenzahl und das spezielle Extrakt begrenzen die Aussagekraft.

Eine weitere kleine Untersuchung befasste sich mit Kniearthrose. Dabei wurden Extrakte aus Uncaria tomentosa und der verwandten Art Uncaria guianensis untersucht. Kurzfristig verbesserten sich einzelne schmerzbezogene Messwerte, während andere Parameter keine deutliche Veränderung zeigten.

Reife Fruchtstände von Uncaria guianensis mit charakteristischen sternförmigen Kapselfrüchten und gegenständigen Blättern im tropischen Regenwald.
Uncaria Guianensis

Bei Menschen mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen wurde Katzenkralle ergänzend zur üblichen Behandlung erprobt. In einer kleinen, nicht verblindeten Studie berichteten Teilnehmer*innen über weniger Erschöpfung und eine verbesserte Lebensqualität. Tumorverkleinerungen oder klare Veränderungen entzündungsbezogener Blutwerte wurden nicht nachgewiesen. Katzenkralle ist daher keine belegte Krebstherapie und darf eine onkologische Behandlung nicht ersetzen.

Frühe Studien mit wenigen gesunden Freiwilligen untersuchten außerdem Veränderungen der Immunzellzahlen und der DNA-Reparatur. Solche Befunde können interessante Hypothesen liefern, sind aufgrund der sehr kleinen Gruppen aber kein verlässlicher Wirksamkeitsnachweis.

Insgesamt existieren damit klinische Hinweise, vor allem im Bereich entzündlicher Gelenkbeschwerden. Für eine allgemein anerkannte medizinische Anwendung reichen die Daten bislang nicht aus. Erforderlich wären größere, unabhängig finanzierte Studien mit genau charakterisierten Extrakten und klinisch relevanten Endpunkten.

Zwischen Heilpflanzenmythos und Forschungsobjekt

Kaum eine Werbeformulierung begleitet Katzenkralle so hartnäckig wie die Behauptung, sie „stärke das Immunsystem“. Wissenschaftlich ist dieser Satz zu unscharf. Verschiedene Extrakte können in experimentellen Modellen Immun- und Entzündungssignale verändern. Daraus folgt jedoch nicht, dass die Pflanze Menschen allgemein widerstandsfähiger gegen Infektionen macht.

Auch Aussagen über eine Wirkung gegen Krebs, Borreliose, HIV, Alzheimer oder andere schwere Erkrankungen gehen weit über die vorhandene klinische Evidenz hinaus. Manche dieser Themen werden im Labor untersucht. Für eine zuverlässige Behandlung beim Menschen fehlen jedoch belastbare Nachweise.

Die Forschung ist deshalb nicht bedeutungslos. Sie bewegt sich vielmehr in Richtung besserer chemischer Charakterisierung. Forschende versuchen zu verstehen, welche Stoffgruppen gemeinsam wirken, wie sich Herkünfte unterscheiden und welche Marker für die Qualitätskontrolle geeignet sind. Interessant sind außerdem nachhaltigere Pflanzenteile wie Blätter sowie mögliche Wechselwirkungen mit Arzneistofftransportern und Leberenzymen.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Stärke der Katzenkralle als Forschungsobjekt. Sie zwingt dazu, über Heilpflanzen nicht wie über einzelne Moleküle zu sprechen. Ein Pflanzenextrakt ist ein veränderliches chemisches System – geprägt von Genetik, Umwelt, Ernte und Verarbeitung.

Charakteristische hakenförmige Dornen der Katzenkralle (Uncaria tomentosa) an einem Klettertrieb. Die namensgebenden „Katzenkrallen“ dienen der Liane zum Festhalten an Bäumen im tropischen Regenwald.

Eine Pflanze, die sich einfachen Antworten entzieht

Katzenkralle ist keine spektakuläre Rauschpflanze und kein eindeutig bestätigtes Universalheilmittel. Sie ist eine Liane, die sich mit gebogenen Haken durch den Regenwald zieht, eine Pflanzendroge mit langer regionaler Verwendung und ein chemisch erstaunlich variables Forschungsobjekt.

Ihre Geschichte erzählt zugleich von der Übersetzung lokalen Wissens in einen globalen Markt. Dabei gingen Zusammenhänge verloren, neue Versprechen kamen hinzu und einzelne Alkaloide wurden zeitweise wichtiger genommen als die Pflanze selbst.

Neue analytische Methoden ermöglichen heute eine deutlich präzisere Charakterisierung der zahlreichen Inhaltsstoffe als noch vor wenigen Jahrzehnten. Künftige Studien dürften deshalb weniger nach einer einzelnen “Wundersubstanz” suchen, sondern vielmehr untersuchen, wie verschiedene Stoffgruppen gemeinsam zur biologischen Aktivität beitragen.

Die moderne Forschung führt langsam wieder zu einem komplexeren Bild zurück. Sie untersucht nicht mehr nur die vermeintlich entscheidende Substanz, sondern das Zusammenspiel verschiedener Inhaltsstoffe, die Herkunft des Materials und die Qualität der Extrakte. Noch fehlen große klinische Studien. Trotzdem lässt sich nachvollziehen, warum Katzenkralle Menschen weiterhin beschäftigt: Sie verbindet Regenwaldbotanik, indigene Pflanzenkunde, Rohstoffhandel und moderne Entzündungsforschung in einer einzigen, widerstandsfähigen Liane.

Herbarbeleg der Katzenkralle (Uncaria tomentosa) aus den Royal Botanic Gardens Kew mit gepresstem Pflanzenmaterial, Fruchtständen, Blättern und Sammeletikett aus Peru.

Sicherheit und mögliche Wechselwirkungen

Katzenkralle gilt bei kurzzeitiger Verwendung üblicher Mengen im Allgemeinen als relativ gut verträglich. Gelegentlich werden Magenbeschwerden, Übelkeit, weicher Stuhl, Durchfall, Kopfschmerzen oder Schwindel beschrieben.

Mehr Aufmerksamkeit verdienen mögliche Wechselwirkungen. Laboruntersuchungen weisen darauf hin, dass Inhaltsstoffe Enzyme und Transportproteine beeinflussen können, die am Abbau oder an der Verteilung von Arzneimitteln beteiligt sind. Die klinische Bedeutung ist noch nicht für alle Medikamente geklärt. Bei regelmäßig eingenommenen Arzneimitteln sollte die gleichzeitige Verwendung deshalb ärztlich oder pharmazeutisch abgeklärt werden.

Besondere Vorsicht ist bei immunsuppressiven Medikamenten, Blutgerinnungshemmern, Blutdruckmitteln und Arzneien mit enger therapeutischer Breite sinnvoll. Auch rund um Organtransplantationen oder bei Autoimmunerkrankungen sollte Katzenkralle nicht eigenständig verwendet werden. Für Schwangerschaft und Stillzeit fehlen ausreichende Sicherheitsdaten.

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