Der Einsatz von psychedelischen Substanzen in der Psychotherapie 1 (Psilocybin)

Psilocybin ist ein in psychoaktiven Pilzen des Psilocybintyps enthaltenes Alkaloid, welches als Agonist auf Serotoninrezeptoren wirkt. Diese Pilze sind auf allen Kontinenten verbreitet und werden in zahlreichen Kulturen verwendet. Sie zählen zu der Gruppe der Psychedelika, die bei Einnahme deutliche Veränderungen in Wahrnehmung, Raum-Zeit-Empfinden und emotionaler Stimmung hervorrufen können. Wer interessiert an der Zucht von solchen Pilzen ist, sei hierin verwiesen.

Obwohl Hinweise auf die rituelle Anwendung psychoaktiver Pilze zu Heilzwecken Jahrtausende zurückdatieren (man denke an gewisse eindeutige Höhlenmalereien) wurde die moderne Wissenschaft erst in den späten 50er Jahren des 20. Jahrhunderts auf ihr Potential aufmerksam.

Doch die Forschung an diesem spannenden Thema wurde durch die Politik bald wieder unterbunden und so dauerte es bis zu dem Jahr 2006, dass die ersten vereinzelten Psilocybin (und auch LSD)-Studien an psychisch Erkrankten Patienten genehmigt wurden. Seitdem wurden mehrere klinische Studien veröffentlicht die den Einfluss einer Psilocybin-Behandlung auf die Symptome psychischer Erkrankungen untersuchen. Dieses Thema ist also höchst aktueller Forschungsgegenstand und man darf gespannt sein was die Ergebnisse noch bewirken werden.

Als Reaktion auf die positiven Ergebnisse der Studien wurde Psilocybin nämlich von der US-amerikanische Zulassungsbehörde Food and Drug Administration (FDA) der Status einer breakthrough therapy für Depressionen zuerkannt.

Vor allem britische Studien aus dem Jahr 2016 und 2018 fanden große Beachtung, zeigten sie doch sehr eindeutig, dass eine zweimalige Gabe von Psilocybin im Abstand weniger Tage Depressionen erheblich lindern kann. Bei fast der Hälfte der Patienten verschwanden die Symptome für drei bis sechs Monate. Je intensiver die psychedelische Wirkung war, umso stärker war der Effekt. Man vermutet, dass Psilocybin zu einer Art Reset im Gehirn führte.

Untersucht wurden vor allem Menschen, die unter starken Angstzuständen und schweren Depressionen litten. Die Wissenschaft ist sich darüber einig, dass die funktionelle Konnektivität – also die Art und Weise, wie die Hirnareale bei der Lösung von Aufgaben, aber auch im Ruhezustand zusammenarbeiten – bei Menschen mit einer Depression stark eingeengt ist. Psilocybin bricht diese funktionelle Konnektivität jedoch regelrecht auf, indem sie viel mehr und ganz andere Konnektivitäten hervorrufen. So werden neue Sicht und Empfindungsweisen auf die persönliche Situation ermöglicht. Außerdem erlebten viele der Patienten ein tiefes Verbundheitserlebnis, dass für eine Traumatabewältigung entscheident helfen kann.

Eine der häufig diskutierten Nebenwirkungen der am häufigsten verschriebenen Antidepressiva, ist die reduzierte Empfindung der Patienten. So werden zwar Wut Trauer und Ängste weniger intensiv wahrgenommen, aber auch positive Emotionen abgeschwächt. Diese als „defensiv Coping“ (to cope with something … mit etwas umgehen) betitele Symptombekämpfung hilft den Patienten also nicht aktiv Strategien zu finden ihre Situation zu Verändern oder eine andere Sichtweise zu gewinnen.

Im krassen Gegensatz dazu steht die Psilocybin gestützte Therapie. Das Gefühlsleben wird aktiviert. Negative wie positive Gefühle werden mitunter sehr viel intensivier wahrgenommen, können aber so auch tiefer verstanden und vielleicht sogar an ihren Ursprung verfolgt werden. „Active Coping“ also.

Doch eine solche bis zu 6 Stündige Sitzung erfordert auch gut ausgebildete Therapeuten.
Typischerweise werden einige vorbereitende Therapiesitzungen gehalten, gefolgt von ein bis vier Sitzungen in denen Psilocybin verabreicht wird. Den TeilnehmerInnen wird während der Psilocybin-Sitzung empfohlen, ihre Augen zu verdunkeln, klassische Musik zu hören und sich auf ihre innere Erfahrung zu konzentrieren, während sich zwei Therapeuten im Raum befinden. Zudem steht medizinisches Personal auf Abruf bereit.
Eine solch intensive Therpie wird wohl zu Beginn leider recht teuer sein und nur in Privatkliniken angeboten werden.

Allerdings setzten sich verschiedene Wissenschaftler, Psychologen und Psychotherapeuten verstärkt für eine Wende und ein Umdenken in der Psychotherapie ein. Ein Beispiel in Deutschland ist Professor Torsten Passie, der sich seit über 30 Jahren mit Psychedelika als Heilmittel bei psychischen Erkrankungen beschäftigt. Darunter neben Psilocybin auch LSD, Ketamin und MDMA.

Er kritisiert vor allem das 2004 durchgesetzte EU-weite Arzneimittelgesetz, dass die Froschung an Pharmaka für Universitäten erheblich erschwert. Großes Finanzaufgebot ist von Nöten, dass meist nur große Pharmakonzere stemmen können. Und die Pharmaindustrie ist nicht interessiert an Psychedelika. Und das aus gleich mehreren Gründen:
Zunächst verkaufen sich Antidepressiva nach wie vor prächtig. Diese werden nicht nur unglaublich leichtfertig (sogar Jugendlichen und Kindern!!!) verschrieben, sie müssen auch über einen Zeitraum von Monaten oder Jahren eingenommen werden (otmals auch ein Leben lang). Psychedelika hingegen können eine Psychotherapie vertiefen und beschleunigen. Dadurch verabreicht man nur drei- bis fünfmal gezielt eine Dosis unter besonders geschützten Bedingungen. Das ist nichts, mit dem die Pharmaindustrie Geld verdienen kann.

Weiters kommt hinzu, dass sich die Halluzinogene, die bereits in den 1960er Jahren in der Psychotherapie angewandt wurden, heute nicht mehr patentieren lassen.

Nun läuft es anderswo in Europa ein wenig besser: Holland oder Spanien umgehen die neuen Regelungen, indem sie Psychedelika nicht als Pharmaka, sondern als zu erforschende Freizeitdrogen behandeln Während die Engländer ganz trocken die neuen Vorgaben einfach nicht beachten. Und die Schweizer, die seit Jahrzehnten führend auf diesem Gebiet sind, unterliegen nicht den EU-Richtlinien.

Laut Torsten Passie ist es noch ein weiter Weg zu einer therapeutischen Zulassung von Psilocybin, allerdings ist der Weg bereits bestritten.
Für ihn steht und fällt die Wende vor allem damit ob die psychiatrische Profession sich für diesen Richtungswechsel öffnen kann: von der medikamentösen Gefühlsminimierung hin zum therapeutischen Umgang mit einer aktivierten Gefühlswelt.

Wir hoffen es!




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