
Steckbrief
Namen: Marihuanilla, Sibirisches Herzgespann, Sibirischer Löwenschwanz, Kleiner Hanf, Honeyweed
Wissenschaftlicher Name: Leonurus sibiricus L.
Familie: Lippenblütler (Lamiaceae)
Verbreitung: Ursprünglich Sibirien, Mongolei und Nordchina; heute verwildert in Süd- und Mittelamerika, Nordamerika, Afrika und Südostasien
Wuchsform: Ein- bis zweijähriges Kraut, 20–80 cm
Verwendete Teile: Blätter, Blüten, Stängelspitzen
Inhaltsstoffe: Leonurin, Stachydrin, Leonurinin, Cycloleonurinin, Leoheterin, Prehispanolon; Diterpene wie Leosibiricin
Namen: Sibirisches Herzgespann, Marihuanilla, Kleiner Hanf, Sibirischer Löwenschwanz, Sibirisches Mutterkraut
Herkunft: Von Sibirien über die Mongolei bis China und Vietnam ist dieser Weltenbummler zuhause. Anscheinend ist das Kraut nicht aufzuhalten, denn auch in Mexiko gedeiht es.
Wirkung: Neben der Verwendung als Heilpflanze sorgt das Sibirische Herzgespann für eine entspannende und gleichzeitig euphorisierende Wirkung.
Wirkstoffe: Die Alkaloide Leonurin, Leonuridin, L-Stachydrin und die Diterpene Leosibiricin und Leosiberin sind enthalten.
Eine Pflanze mit einem spanischen Kosenamen, die aus Sibirien stammt und in Mexiko „kleiner Hanf“ heißt — schon der Name erzählt eine Reisegeschichte. Und er führt in die Irre, denn mit Hanf ist Leonurus sibiricus nicht verwandt. Sie gehört zu den Lippenblütlern, in dieselbe Familie wie Salbei, Thymian und Minze. Was die beiden verbindet, ist die Form der Blätter: dreilappig, schlank, gezähnt. Wer sie im Vorbeigehen sieht, denkt an Cannabis. Wer sie botanisch bestimmt, landet ganz woanders.
Der Weg von Sibirien nach Mexiko
Die Heimat der Pflanze liegt zwischen Sibirien, der Mongolei und Nordchina. Dort wächst sie auf steinigen und sandigen Böden, in Grasland und lichten Kiefernwäldern — Standorte, die viele Kulturpflanzen nicht vertragen. Genau diese Robustheit hat sie zum Weltenbummler gemacht: Leonurus sibiricus ist heute in Südamerika, Mittelamerika, Teilen Nordamerikas, Afrikas und Südostasiens verwildert. Sie folgt dem Menschen, siedelt an Wegrändern, auf Brachflächen und in Feldfluren.

In Brasilien und Mexiko hat sie dabei einen neuen Namen bekommen. Marihuanilla — „kleines Marihuana“, eine Verkleinerungsform mit einem Augenzwinkern. Der Name kommt von der Ähnlichkeit der Blätter und davon, dass die getrockneten Blüten mancherorts geraucht wurden. Er sagt nichts über eine Verwandtschaft und nichts über eine vergleichbare Wirkung.
Der Namenswirrwarr — und warum er wichtig ist
Hier wird es unübersichtlich, und es lohnt sich, genau hinzusehen, weil fast alle Quellen im Netz an dieser Stelle durcheinandergeraten.
Die Gattung Leonurus umfasst rund ein Dutzend Arten, und drei davon werden regelmäßig verwechselt:
Leonurus sibiricus — unsere Marihuanilla, botanisch eine eigenständige Art.
Leonurus cardiaca — das Echte Herzgespann, in Europa heimisch, seit dem Mittelalter als Heilpflanze bekannt und dort auch heute in Arzneibüchern geführt.
Leonurus japonicus — der chinesische Verwandte, auf Chinesisch yìmǔcǎo (益母草), wörtlich „nützliches Kraut für Mütter“. Diese Art gehört zu den 50 Grundkräutern der Traditionellen Chinesischen Medizin.


Das Problem: In der älteren Literatur wurde der Name „Leonurus sibiricus“ oft für L. japonicus verwendet — die Botanik führt das heute als Fehlbestimmung (auct. pl., „bei vielen Autoren“). Wenn also eine Quelle von der jahrtausendealten Verwendung des „sibirischen Herzgespanns“ in der chinesischen Medizin schreibt, geht es in der Sache meist um Leonurus japonicus.
Die älteste Erwähnung einer Leonurus-Art führt weit zurück: ins Shijing, das altchinesische „Buch der Lieder“, eine Sammlung von Volksliedern und Hymnen aus dem 10. bis 7. Jahrhundert vor Christus, deren Auswahl die Legende Konfuzius zuschreibt. Die Pflanze taucht dort nicht als Arzneimittel auf, sondern als bekanntes Gewächs am Wegrand — was gut zu ihrem Wesen passt.
Die traditionelle Verwendung
In der chinesischen Kräuterkunde sind die Leonurus-Arten seit langem der Frauenheilkunde zugeordnet — der chinesische Name „nützliches Kraut für Mütter“ sagt es direkt. Traditionell verwendet wurden die oberirdischen Pflanzenteile, getrocknet und als Abkochung. Über die Frauenheilkunde hinaus ist die Pflanze in verschiedenen Traditionen mit dem Herzen in Verbindung gebracht worden — daher der deutsche Gattungsname „Herzgespann“ und das Artepitheton cardiaca beim europäischen Verwandten.
In Mexiko und Brasilien hat sich um die verwilderten Bestände eine eigene Volksmedizin entwickelt. Dokumentiert ist unter anderem die äußerliche Anwendung als alkoholische Tinktur, eingerieben bei Gelenkbeschwerden. Auch hier steht die Pflanze in einem gynäkologischen Zusammenhang — eine Parallele, die bemerkenswert ist, weil sie unabhängig voneinander auf zwei Kontinenten entstanden ist.
Diese Zuschreibungen sind überlieferte Verwendungen, nicht belegte Wirkungen. Sie sind als Kulturgeschichte interessant und nicht als Handlungsanweisung zu lesen.

Ein Hinweis, der nicht übergangen werden sollte
In mehreren Traditionen gilt die Pflanze als in der Schwangerschaft zu meiden, weil ihr eine Wirkung auf die Gebärmuttermuskulatur zugeschrieben wird. Dieser Hinweis findet sich quer durch die Quellen — von der chinesischen Kräuterkunde bis zur lateinamerikanischen Volksmedizin — und ist der einzige Punkt in diesem Artikel, der ausdrücklich als Warnung gemeint ist.
Was in der Pflanze steckt
Die Inhaltsstoffe der Leonurus-Arten sind gut untersucht. Der bekannteste ist Leonurin, ein Pseudoalkaloid, das nach ihr benannt ist und sich in mehreren Arten der Familie findet — auch in Leonotis leonurus, dem südafrikanischen Wild Dagga, dessen Name dieselbe Löwen-Metapher trägt (leonurus = „Löwenschwanz“). Leonurin ist gut wasserlöslich, was zur traditionellen Zubereitung als Aufguss passt, und Gegenstand laufender pharmakologischer Forschung, unter anderem zu Entzündungsprozessen und oxidativem Stress.
Dazu kommen Stachydrin, ebenfalls ein Alkaloid der Lippenblütler, sowie Leonurinin, Cycloleonurinin, Leoheterin und Prehispanolon. Charakteristisch für L. sibiricus sind außerdem Diterpene, darunter Leosibiricin, dessen Name direkt auf die Art verweist.
Wichtig zur Einordnung: Diese Stoffe sind isoliert und beschrieben, und ein Teil davon wird in Laborstudien untersucht. Das ist Grundlagenforschung an einzelnen Molekülen — von dort zu einer Aussage über die getrocknete Pflanze in einer Teetasse ist es ein weiter Weg, den die Studienlage nicht zurücklegt.

Wie die Pflanze aussieht
Leonurus sibiricus wird 20 bis 80 Zentimeter hoch. Der Stängel ist kantig — im Querschnitt fast quadratisch, ein Erkennungsmerkmal der Lippenblütler — dick und borstig behaart. Die Blätter sitzen gegenständig, sind tief dreilappig und schlank, mit dem Stiel bis etwa sieben Zentimeter lang.
Zwischen Juli und September erscheinen die Blüten in Rosa bis Violett. Sie stehen in Scheinwirteln dicht um den Stängel, stufenweise übereinander — eine Anordnung, die der Pflanze ihr charakteristisches, etwas strenges Aussehen gibt. Für Bestäuber ist sie wertvoll; der englische Name honeyweed verdankt sich dem Nektarreichtum.
Wer sie im Garten hat, kennt die andere Seite: Sie sät sich reichlich selbst aus. In wärmeren Ländern gilt sie als Unkraut.
Im Anbau
Die Ansprüche sind gering — voller Standort, durchlässiger, eher magerer Boden, keine Staunässe. Zu viel Nährstoff führt zu weichem Wuchs. In Mitteleuropa lässt sich das ein- bis zweijährige Kraut ab April direkt säen; die Samen brauchen Licht und werden nur angedrückt. Geerntet werden Blätter und Blütenstände zur Blütezeit und luftig im Schatten getrocknet.



Ein Nachbar aus Südafrika
Wer sich für Marihuanilla interessiert, stößt zwangsläufig auf Wild Dagga (Leonotis leonurus). Die beiden sind nicht dieselbe Pflanze, gehören aber zur gleichen Familie und teilen die Löwen-Metapher im Namen — Leonotis heißt „Löwenohr“, Leonurus „Löwenschwanz“. Wild Dagga ist ein südafrikanischer Strauch mit auffällig orangen Röhrenblüten, Marihuanilla ein unscheinbares Kraut aus Sibirien. Beide enthalten Leonurin, und „dagga“ ist auf Afrikaans dasselbe Wortspiel wie Marihuanilla: ein Name, der an Hanf erinnert, obwohl es keine Verwandtschaft gibt.

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