Wie wirken psychoaktive Substanzen eigentlich?

„Allmählich begann ich, das unerhörte Farben- und Formenspiel zu geniessen, das hinter meinen geschlossenen Augen andauerte. Kaleidoskopartig sich verändernd drangen bunte phantastische Gebilde auf mich ein, in Kreisen und Spiralen sich öffnend und wieder schliessend, in Farbfontänen zersprühend, sich neu ordnend und kreuzend, in ständigem Fluss. Besonders merkwürdig war, wie alle akustischen Wahrnehmungen, etwa das Geräusch einer Türklinke oder eines vorbeifahrenden Autos, sich in optische Empfindungen verwandelten. Jeder Laut erzeugte ein in Form und Farbe entsprechendes, lebendig wechselndes Bild.“

Albert Hofmann


So schreibt Albert Hoffmann 1943 über seinen ersten Selbstversuch mit dem, unter einer Reihe von Zufällen von ihm synthetisierten: Lysergsäurediethylamid kurz LSD.
Doch wie kommt es dazu, dass wir „Visuals“ haben, Geräusche intensiver wahrnehmen, sich unser Blick auf die Welt und das Dasein verändert?
Was passiert neurologisch gesehen durch den Einfluss, so passend betitelter, bewusstseinserweiternder Substanzen?

Seit Albert Hoffmann seinen unverhofften Trip zu Papier brachte, entstanden unzählige solche Erfahrungsberichte und lange Zeit waren sie auch die beste Quelle um die Wirkung einer Substanz auf den Menschen zu beschreiben.
Doch seit dem Aufkommen des LSD hat sich viel in der Erforschung psychotroper Substanzen und ihren Wirkungsmechanismen getan. Die aktiven Wirkstoffe vieler pflanzlicher Rauschmittel wurden identifiziert und isoliert.
Vor allem der therapeutische Einsatz verschiedenster natürlich vorkommender Wirkstoffe ist ein immer weiter wachsendes, spannendes Forschungsfeld.
Hier also der Versuch eines wissenschaftlichen Blicks auf die Wirkungsmechanismen verschiedenster psychoaktiver Substanzen:

Unser Gehirn ist ein wahres Wunderwerk der Evolution. In den 1,5 bis 2 Kilo Nervengewebe befinden sich ungefähr 25 Milliarden Nervenzellen, sogenannte Neuronen. Über diese Neuronen werden äußere Reize weitergeleitet und verarbeitet, ob wir nun Musik hören, Sex haben, oder uns einen Sonnenuntergang ansehen.
Jedes einzelne Neuron hat einige hundert bis zehntausende Fortsätze die in engsten Abstand zu anderen Nervenzellen stehen. Diese Abstand von einigen Nanometern wird synaptischer Spalt genannt.

Dabei schüttet die sendende Zelle Botenstoffe, sogenannte Neurotransmitter, aus, die sich auf der anderen Seite des Spaltes an die Rezeptoren (Empfänger) der empfangenden Zelle binden. So funktioniert die Kommunikation im Gehirn. Elektrische Signale fließen als Strom an den Neuronenfortsätzen entlang und bewirken die Ausschüttung von Neurotransmittern am synaptische Spalt, welche an die Rezeptoren der Nachbarzelle andocken. Wenn genügend Rezeptoren besetzt sind, dann wird der Strom an der Nachbarzelle weitergeleitet und dort werden wieder Neurotransmitter ausgeleert usw. Im Gehirn dürfte es zumindest 100 verschiedene Arten von Neurotransmittern und zumindest ebenso viele Rezeptoren geben. Neurotransmitter passen nur in bestimmte Rezeptoren – so wie Schlüssel in Schlösser – an anderen Rezeptoren können sie keine Wirkung entfalten.
Einige dieser Neurotransmitter kennt ihr bestimmt.
Adrenalin zum Beispiel oder Dopamin und Serotonin.

Je nachdem welche Neurotransmitter und wie viel davon ausgeschüttet werden, verändert sich unsere Stimmung und unsere Wahrnehmung. Im Gehirn gibt es zwar keine klaren Zuständigkeiten, etwa für „denke an einen rosa Elefanten“ oder „löse die Emotion Freude aus“ aber doch einige Gebiete, die für bestimmte Aufgaben wie Sehen oder Fühlen hauptverantwortlich sind. Was du genau siehst oder wie intensiv du fühlst, hängt vom jeweiligen Hirngebiet ab und welche Neurotransmitter dort ausgeschüttet werden. Wenn du dich in Hochstimmung befindest wird wohl gerade viel Serotonin im limbischen System (zuständig für Stimmungen und Emotionen) ausgeschüttet.

Genau in dieses Gleichgewicht von Neurotransmittern greifen nun psychoaktive Substanzen ein. Durch ihre Struktur können sie statt einem Neurotransmitter direkt an einem Rezeptor andocken und somit eine Reizweiterleitung induzieren.
Opiate wirken beispielsweise so. Sie docken an körpereigene Opiatrezeptoren an, deren ursprünglicher evolutionärer Sinn darin besteht, die unter einer Belastungssituation ausgelösten Reaktionen zu dämpfen. Endorphin wäre beispielsweise ein körpereigenen Opioidpeptid.
Werden diese Opiatrezeptoren nun beispielsweise durch Morphinmoleküle besetzt kommt es zu einer schmerzlindernden und entspannenden Körperreaktion. Zudem löst es eine Euphorie aus, welche keine andere Droge in dieser Intensität erreicht und gerade das macht sie so gefährlich, da dadurch ein hohes Suchtpotential besteht.

Der milchige Saft des Schlafmohns enthält unter anderem Morphin


Ein Wirkstoff kann jedoch auch an den Rezeptor andocken ohne die Reizweiterleitung zu triggern und ihn damit blockieren. Man spricht von sogenannten Blockern .
Beta-Blocker beispielsweise verhindern durch die Blockade des Adrenorezeptors die Ausschütung von Adrenalin und sind damit neben ihrem Einsatz gegen Herzrhythmusstörungen auch als Mittel gegen Nervostät beispielsweise in Prüfungs oder Wettkampfsituationen beliebt (und stehen deshalb auch auf der Doping Liste)

Manche Substanzen wirken nicht direkt auf einen Rezeptor sondern verändern die Wirkung gewisser Systeme von Neruotransmittern und Rezeptoren. So kann auch die Vermehrte Ausschüttung eines Neurotransmitters bewirkt werden. Amphetamine bewirken beispielsweise, dass vermehrt Dopamin ausgeschüttet wird.

Alkohl andererseits verändert die Systeme der Neuroransmitter Dopamin, Serotonin, GABA, Glutamat und Endorphin an unterschiedlichen Stellen im Gehirn, wo die Alkoholmoleküle an verschiedene Rezeptoren binden und so die Übertragung von Impulsen zwischen den Nervenzellen ändern.
Die Atmung, der Appetit, die Regulation der Körpertemperatur, motorische Fähigkeiten, Reaktionsgeschwindigkeit und Erinnerungsvermögen alles das wird beeinflusst. Je mehr Alkohol in den Körper gelangt, desto stärker wird die Gehirnleistung beeinträchtigt.

Eine letzte Gruppe an Substanzen wirkt weder auf Rezeptoren noch auf Neurotransmitter sondern auf die sogenannten Monoamidoxidasen, die Neurotransmitter wie Dopamin und Serotonin abbauen.
Werden diese Monoamidoxidasen blockiert, steig automatisch die Neurotransmitterkonzentration im Blut und hält länger an.
Solche Monoaminooxidase-Hemmer (kurz MAO-Hemmer) werden als Anti-depressiva eingesetzt.
Allerdings können sie auch die Wirkung psychoaktiver Substanzen verlängern und intensivieren. So wird beispielsweise dem Ayahuasca Trank oder dem San Pedro Trank Mao-Hemmer haltige Pflanzen beigemischt.

Natürlich wirkt jede Substanz auf eine andere Weise in dem komplexen System unseres Körpers. Doch grob betrachtet folgen sie alle einer der oben genannten Wirkungsweisen.
Hier seien nun noch einige Beispiele häufig konsumierter Substanzen und ihren Wirkstoffe angeführt:

Tabak
Beim Rauchen von Tabak gelangt der Wirkstoff Nikotin über die unge in unser Blut und darüber ins Gehirn. Er bewirkt eine vermehrte Ausschüttung Dopamin, Adrenalin, Serotonin und Beta-Endorphin bewirkt.

Niktoin verändert die Neurotransmitterausschüttung.


Cannabis
In Cannabis befinden sich mehrere Wirkstoffe, sog. Cannabinoide, von welchen vor allem das Tetrahydrocannabinol (THC) für die psychoaktive Wirkung verantwortlich ist. Allerdings wird die Wirkung von den anderen Cannabinoiden beeinflusst und somit entsteht sie erst durch eine Wechselwirkung der verschiedenen Substanzen.
THC verhindert durch Rezeptorhemmung die Ausschüttung von Anandamin und beeinflusst damit Zeitgefühl, Konzentrazionsfähigkeit und die Informationsverarbeitung.
Das Cannabidiol (CBD) hat es eine angstlösende und schmerzhemmende Wirkung.
Cannabinol (CBN) senkt den Innendruck der Augen und wirkt antibiotisch sowie beruhigend.
Cannabichromen (CBC) unterstützt die schmerzhemmende Wirkung des THC.

THC wirkt Rezeptorhemmend

LSD
Das Lysergsäurediethylamid bindet mit sehr großer Bindungsstärke an einen Serotoninrezeptor und bewirkt eine starke Reizübertragung in den Gehirnbereichen die für die Sinneswarnehmung zustänig sind. Dabei werden die Mechanismen, welche dafür verantwortlich sind nur die für das Überleben wichtige Sinneseindrücke in das Bewusstsein zu lassen, verringert oder ganz ausgeschaltet, sodass eine Welle von neuen Eindrücken in das Bewusstsein des Konsumenten trifft.

LSD hat die höchste Bindungsstärke zu unseren Serotonin Rezeptoren.

Kokain
Die Wiederaufnahme der Neurotransmitter Noradrenalin, Dopamin und Serotonin wird gehemmt und damit deren Konzentration im Blut erhöht.

Kokain verändert die Abbaugeschwindigkeit bestimmter Neurotransmitter.

DMT
N,N-Dimethyltryptamin wirkt intensiv auf den visuellen Cortex des Gehirns ein. Es bindet an eine Vielzahl von Rezeptoren, selektiv vor allem an Serotoninrezeptoren. Im Gegensatz zu typverwandten Halluzinogenen wie LSD Psilocybin und Meskalin bildet DMT keine Toleranz aus, der Grund dafür ist unklar.

Ähnlich wie LSD bindet DMT sehr stark
an die Serotoninrezeptoren im limbischen System

Psilocybin
Pylocibin, der Wirkstoff psychoktiver Pilze bindet mit einer hohen Affinität an verschiedene Serotonin Rezeptoren. Genau genommen wird er zunächst zu Psilocin abgebaut, welches dann an den Rezeptor andockt.

Psilocin wirkt wie die meisten psychodelica an den Serotonin Rezeptoren.

Psychedelica
Vergleicht man die Strukturformeln von LSD, DMT und Psilocin fallen dem geschulten Auge die Amin-Gruppen auf die alle drei Substanzen enthalten.

Die Amingruppe verbindet die meisten psychedelisch wirkenden Substanzen.

Diese Gruppe ist auch im Serotonin enthalten und wirkt als „Andockpunkt“ an den Rezeptor

Auch Serotonin enthält eine Amin-Gruppe

Psychedelische Substanzen wirken also vor allem aufgrund ihrer chemischen Ähnlichkeit zu Serotonin. Die Bindungsstärke an die Serotonin-Rezeptoren ist sogar um eingiges höher als für Serotonin selbst.

Ich hoffe euer Blick auf bewusstseinserweiternde Substanzen hat sich durch diesen Artikel verändert und ein weiteres kleines Puzzlestück konnte dem großen Mysterium, das die Natur und unser Bewusstsein darstellen, zugefügt werden.






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