Eine Entdeckung, die unser Bild von Naturstoffen veränderte

Pochonia chlamydosporia unter dem Lichtmikroskop: Chlamydosporen, Keimung und Hyphen in verschiedenen Entwicklungsstadien, dargestellt in sechs mikroskopischen Teilaufnahmen mit Maßstabsbalken.
Pochonia chlamydosporia unter dem Lichtmikroskop: Chlamydosporen, Keimung und Hyphen in verschiedenen Entwicklungsstadien, dargestellt in sechs mikroskopischen Teilaufnahmen mit Maßstabsbalken.

Steckbrief

Wissenschaftlicher Name: Pochonia chlamydosporia
Pilzreich: Fungi
Abteilung: Schlauchpilze (Ascomycota)
Klasse: Sordariomycetes
Ordnung: Hypocreales
Familie: Mutterkornpilzverwandte (Clavicipitaceae)
Lebensweise: lebt im Boden, ernährt sich von abgestorbenem organischem Material, kann Pflanzenwurzeln besiedeln und parasitiert Fadenwurmeier
Verbreitung: weltweit in Böden und Wurzelräumen nachgewiesen
Besonderheit: parasitiert die Eier verschiedener Fadenwürmer und kann Pflanzenwurzeln besiedeln
Erforschte Inhaltsstoffe: unter anderem Chlamyphilon, Radicicol-Derivate und – nach einer Studie von 2020 – Ketamin
Forschungsgebiete: biologischer Pflanzenschutz, Parasitologie, Pilzökologie, Naturstoffchemie und Biotechnologie

Pochonia chlamydosporia unter dem Mikroskop – Chlamydosporen, Hyphen und Keimungsstadien des nematophagen Pilzes.
Quelle: https://doi.org/10.1186/s13071-020-04402-w

Als die Natur Ketamin hervorbrachte

Ketamin galt lange als ein ausgesprochen menschliches Molekül. Nicht menschlich im biologischen Sinn, sondern als Produkt unserer Labore, unserer medizinischen Bedürfnisse und unserer Fähigkeit, Moleküle zu entwerfen, die in der Natur vermeintlich nicht vorkommen.

Calvin Stevens, Chemiker und Entwickler von Ketamin, bei der Arbeit im Labor – historische Schwarz-Weiß-Aufnahme.
Calvin Stevens

1962 synthetisierte der Chemiker Calvin Stevens die Verbindung im Zuge der Suche nach einem besser steuerbaren Nachfolger von Phencyclidin. Wenige Jahre später wurde Ketamin am Menschen untersucht, 1970 in den USA als Narkosemittel zugelassen und schließlich zu einem festen Bestandteil der Anästhesie und Notfallmedizin. Jahrzehnte danach begann eine zweite Karriere: als Forschungsgegenstand der Psychiatrie, als rasch wirkendes Antidepressivum und als eine Substanz, die Fragen nach Bewusstsein, Ich-Erleben und psychischer Veränderung neu aufwarf.

Dann erschien 2020 eine Studie über einen unscheinbaren Bodenpilz.

Die Forschenden hatten nicht nach einer Substanz gesucht, die das Verhältnis zwischen Natur und Chemie infrage stellt. Sie untersuchten Pochonia chlamydosporia, weil dieser Pilz Fadenwürmer bekämpfen kann. In zwei aufgereinigten Fraktionen eines Pilzextrakts identifizierten sie jedoch eine Verbindung, deren analytische Daten Ketamin entsprachen.

Plötzlich stand eine merkwürdige Möglichkeit im Raum: Die Natur könnte ein Molekül herstellen, das Chemiker*innen bereits Jahrzehnte zuvor künstlich im Labor hergestellt hatte.

Nicht kopiert. Nicht übernommen. Offenbar unabhängig hervorgebracht.

Ein Pilz zwischen Wurzel und Wurmei

Pochonia chlamydosporia ist kein Pilz, der sich leicht in das vertraute Bild von Hut und Stiel einfügt. Sein Leben spielt sich größtenteils im Boden ab, in einer Welt aus Wurzeln, Mikroorganismen, Feuchtigkeit, mineralischen Partikeln und mikroskopisch kleinen Tieren.

Dort kann er unterschiedliche Lebensweisen annehmen. Er ernährt sich von abgestorbenem organischem Material im Boden, kann Pflanzenwurzeln besiedeln, ohne ihnen zu schaden, und ist vor allem dafür bekannt, die Eier verschiedener Fadenwürmer zu parasitieren.

Dabei baut Pochonia chlamydosporia keine Fangschlingen und klebrigen Netze, wie sie von manchen anderen nematophagen Pilzen bekannt sind. Seine bevorzugten Ziele sind die Eier pflanzenparasitischer Nematoden, darunter Arten der Gattungen MeloidogyneGlobodera und Heterodera. Einige dieser Fadenwürmer verursachen erhebliche Schäden an Nutzpflanzen, indem sie Wurzeln befallen, das Pflanzenwachstum bremsen und charakteristische Gallen oder Zysten bilden.

Der Pilz lagert sich an die Eihülle an, bildet spezialisierte Kontaktstrukturen und setzt Enzyme frei, die die schützenden Schichten des Eis aufbrechen. Anschließend dringen Pilzfäden ein und kolonisieren den Inhalt.

Es ist ein langsamer, beinahe stiller Angriff. Kein sichtbarer Kampf, sondern eine biochemische Auseinandersetzung in einem Raum, den das menschliche Auge ohne Hilfsmittel niemals wahrnehmen würde.

Chlamydosporen: Überleben als Strategie

Seinen Artnamen verdankt der Pilz den Chlamydosporen. Dabei handelt es sich um dickwandige Dauerzellen, die unter ungünstigen Bedingungen überleben können. Sie helfen dem Pilz, Trockenheit, Nährstoffmangel und andere Belastungen im Boden zu überstehen.

Pochonia chlamydosporia in Tomatenwurzeln: lichtmikroskopische Querschnitte von durch Meloidogyne incognita verursachten Wurzelgallen mit Riesenzellen, Nematoden sowie Chlamydosporen und Hyphen des endophytischen Pilzes.
Pochonia chlamydosporia in Tomatenwurzeln: lichtmikroskopische Querschnitte von durch Meloidogyne incognita verursachten Wurzelgallen mit Riesenzellen, Nematoden sowie Chlamydosporen und Hyphen des endophytischen Pilzes.

Diese Widerstandsfähigkeit macht Pochonia chlamydosporia für den biologischen Pflanzenschutz interessant. Ein Organismus, der Nematodeneier parasitiert, Pflanzenwurzeln besiedelt und zugleich längere ungünstige Phasen überdauern kann, besitzt Eigenschaften, die für landwirtschaftliche Anwendungen wertvoll sind.

Seit mehreren Jahrzehnten untersuchen Forscher*innen deshalb, ob sich ausgewählte Stämme als biologische Gegenspieler pflanzenparasitischer Nematoden einsetzen lassen. Die Idee ist reizvoll: Statt Böden ausschließlich mit chemischen Nematiziden zu behandeln, könnte ein bereits vorhandener ökologischer Akteur gestärkt oder gezielt eingebracht werden.

Die Ergebnisse fallen allerdings nicht überall gleich aus. Bodenart, Temperatur, Feuchtigkeit, Pflanzenart, Nematodenpopulation und Pilzstamm beeinflussen, wie gut sich der Organismus etabliert. Pochonia chlamydosporia ist kein biologischer Schalter, der nach dem Ausbringen zuverlässig jedes Nematodenproblem löst. Er ist Teil eines komplexen Systems.

Gerade darin liegt seine Bedeutung. Der Pilz erinnert daran, dass biologischer Pflanzenschutz selten auf einem einzelnen Wirkstoff beruht. Er entsteht aus Beziehungen.

Ein chemisches Arsenal unter der Erde

Das Parasitieren eines Nematodeneis ist nicht allein eine mechanische Leistung. Pilze kommunizieren, konkurrieren und verteidigen sich mit chemischen Stoffen. Viele dieser sogenannten Sekundärmetaboliten sind für das unmittelbare Wachstum nicht zwingend notwendig, können aber ökologische Vorteile schaffen.

Aus Pochonia chlamydosporia wurden verschiedene bioaktive Verbindungen isoliert. Dazu gehören Radicicol-ähnliche Stoffe, deren antibakterielle Eigenschaften und Entstehung im Pilz untersucht wurden. 2019 beschrieben Forscher*innen außerdem Chlamyphilon, ein zuvor unbekanntes Azaphilon-Derivat. In Laborversuchen zeigte die Verbindung eine insektizide Wirkung gegen die Erbsenblattlaus Acyrthosiphon pisum.

Erbsenblattlaus (Acyrthosiphon pisum) auf einem Blatt – grüne adulte Blattläuse und Nymphen beim Saugen an der Pflanze.
Erbsenblattlaus (Acyrthosiphon pisum) auf einem Blatt – grüne adulte Blattläuse und Nymphen beim Saugen an der Pflanze.

Solche Funde machen den Pilz für die Naturstoffchemie interessant. Sein Genom enthält zahlreiche Gene, die an der Bildung von Enzymen, ausgeschiedenen Proteinen und spezialisierten Stoffwechselprodukten beteiligt sein könnten. Nicht alle dieser chemischen Möglichkeiten werden unter gewöhnlichen Kulturbedingungen sichtbar. Manche biologische Herstellungswege bleiben still, bis bestimmte Umweltreize, Konkurrenten oder Wirte sie aktivieren.

Ein Pilz ist chemisch betrachtet kein Behälter mit einer festen Zutatenliste. Er reagiert auf seine Umgebung. Was er produziert, hängt davon ab, wo er wächst, wovon er lebt und wem er begegnet.

Vor diesem Hintergrund erscheint selbst der Ketaminfund weniger wie ein vollkommen isoliertes Wunder. Doch erstaunlich bleibt er.

Ketamin im Pilzextrakt

In der 2020 veröffentlichten Untersuchung kultivierten die Forscher*innen Pochonia chlamydosporia, extrahierten das Kulturmaterial mit Ethylacetat und trennten die enthaltenen Stoffe in verschiedene Fraktionen. Einige davon töteten den Modellorganismus Caenorhabditis elegans oder schränkten seine Beweglichkeit ein.

Die wichtigste Verbindung zweier Unterfraktionen wurde mithilfe chromatografischer und spektroskopischer Verfahren als Ketamin identifiziert. Nach Angaben der Autor*innen stimmten die analytischen Signale mit einer Ketamin-Referenzsubstanz überein.

Anschließend untersuchte das Team nicht die psychoaktiven oder narkotischen Eigenschaften, sondern eine ganz andere Wirkung: Ketamin wurde gegen Fadenwürmer getestet. Neben Caenorhabditis elegans kamen der Hakenwurm Ancylostoma ceylanicum und der Schweinespulwurm Ascaris suum zum Einsatz. Versuche erfolgten sowohl im Labor als auch in infizierten Tiermodellen.

Caenorhabditis elegans unter dem Fluoreszenzmikroskop – mehrere transparente Fadenwürmer mit fluoreszierend markierten Gewebebereichen auf schwarzem Hintergrund.
Caenorhabditis elegans unter dem Fluoreszenzmikroskop – mehrere transparente Fadenwürmer mit fluoreszierend markierten Gewebebereichen auf schwarzem Hintergrund.

Dabei zeigte Ketamin eine Wirkung gegen verschiedene Faden- und andere parasitische Würmer. In einigen Versuchsbedingungen lagen die Ergebnisse in einer ähnlichen Größenordnung wie bei etablierten Antiparasitika. Daraus lässt sich noch keine neue Behandlung für Menschen oder Tiere ableiten. Die Experimente eröffneten aber eine unerwartete Forschungsfrage: Könnte ein bekanntes Anästhetikum oder eine strukturell verwandte Verbindung künftig auch für die Parasitenkontrolle interessant werden?

Fast nebenbei stellte die Studie eine noch grundsätzlichere Frage: Wie war dieses Molekül entstanden?

Was wir wissen – und was noch offen ist

Der Ketaminfund wurde in einer begutachteten wissenschaftlichen Arbeit beschrieben. Untersucht wurde ein bestimmter Stamm von Pochonia chlamydosporia unter bestimmten Kulturbedingungen. Die Verbindung wurde aus Pilzfraktionen isoliert und analytisch mit Ketamin verglichen. Bislang fehlen jedoch unabhängige Replikationen durch andere Arbeitsgruppen. Ebenso wurde kein vollständiger natürlicher Herstellungsweg nachgewiesen.

Pochonia chlamydosporia YNF2217 hemmt das Wachstum von Fusarium TR4 in einem Petrischalen-Antagonismustest; daneben die TR4-Kontrollkultur.
Pochonia chlamydosporia YNF2217 hemmt das Wachstum von Fusarium TR4 in einem Petrischalen-Antagonismustest; daneben die TR4-Kontrollkultur.

Wir wissen also noch nicht, welche Enzyme der Pilz für die Bildung benötigen würde, aus welchen Ausgangsstoffen das Molekül entsteht und welche Gene daran beteiligt sein könnten. Auch eine mögliche Aufnahme aus dem Kulturmedium oder eine Verunreinigung müsste durch gezielte Wiederholungsstudien mit Isotopenmarkierungen, streng kontrollierten Medien und genetischen Analysen möglichst eindeutig ausgeschlossen werden.

Das schmälert die Entdeckung nicht. Es bestimmt lediglich ihren wissenschaftlichen Status.

Die korrekte Formulierung lautet vorerst: In Extrakten eines kultivierten Stammes von Pochonia chlamydosporia wurde eine Substanz identifiziert, deren analytische Eigenschaften Ketamin entsprachen. Die Autor*innen interpretierten dies als Produktion durch den Pilz.

Ob daraus eine bestätigte natürliche Ketaminbiosynthese wird, entscheidet nicht die Schönheit der Geschichte, sondern ihre Reproduzierbarkeit.

Hat die Natur Ketamin wirklich “zuerst” erfunden?

Aus menschlicher Perspektive wurde Ketamin 1962 erfunden. Ein Molekül wurde geplant, synthetisiert, geprüft und in die Medizin eingeführt. Sein Name, seine klinische Bedeutung und seine kulturelle Geschichte sind menschliche Konstruktionen.

Doch Moleküle tragen keine Geburtsurkunden.

Sollte Pochonia chlamydosporia Ketamin tatsächlich selbst synthetisieren, hätte der Pilz dies wahrscheinlich lange vor Calvin Stevens getan. Nicht mit dem Ziel, eine Narkose einzuleiten. Nicht als Antidepressivum. Nicht für Erfahrungen von Dissoziation oder veränderten Bewusstseinszuständen. Möglicherweise wäre das Molekül Teil einer chemischen Verteidigung, einer Konkurrenzstrategie oder eines Angriffs auf mikroskopische Beute.

Der gleiche Stoff könnte in einem Operationssaal Bewusstsein und Schmerzempfinden verändern, in der Psychiatrie synaptische Prozesse beeinflussen und im Boden einem Pilz helfen, einen Fadenwurm zu überwältigen.

Unsere Kategorien – Arzneimittel, Droge, Naturstoff, Pestizid – beschreiben daher weniger das Molekül selbst als den Zusammenhang, in den wir es stellen.

Vielleicht ist das die eigentliche philosophische Irritation dieser Entdeckung. Wir neigen dazu, Natur und Synthese als Gegensätze zu betrachten. Auf der einen Seite das Gewachsene, auf der anderen das Gemachte. Doch Chemie kennt diese Grenze nicht. Ein Kohlenstoffatom interessiert sich nicht dafür, ob es von einem Pilzorganismus oder in einem Reaktionskolben in eine Verbindung eingebaut wurde.

Naturstoffe sind nicht automatisch sanft oder heilsam. Synthetische Stoffe sind nicht automatisch naturfremd oder schädlich. Beide Begriffe erzählen Herkunftsgeschichten. Über Wirkung, Risiko und Bedeutung entscheiden Struktur, Dosis, Reinheit und biologischer Kontext.

Vom Pflanzenschutz zur Parasitenforschung

Die praktische Forschung zu Pochonia chlamydosporia konzentriert sich weiterhin vor allem auf die biologische Kontrolle von Parasiten.

Erbsenblattlaus (Acyrthosiphon pisum) auf einem Blatt – grüne adulte Blattläuse und Nymphen beim Saugen an der Pflanze.
Erbsenblattlaus (Acyrthosiphon pisum) auf einem Blatt – grüne adulte Blattläuse und Nymphen beim Saugen an der Pflanze.

In der Landwirtschaft werden geeignete Stämme als Bestandteil integrierter Strategien gegen Wurzelgallen-, Zysten- und andere pflanzenparasitäre Nematoden untersucht. Gleichzeitig interessieren sich Veterinärparasitolog*innen dafür, ob der Pilz Eier tierischer Parasiten in der Umwelt zerstören und dadurch Infektionszyklen unterbrechen kann.

Auch die Besiedlung von Pflanzenwurzeln rückt stärker in den Mittelpunkt. Einige Arbeiten deuten darauf hin, dass bestimmte Pilzstämme das Pflanzenwachstum unterstützen oder Abwehrreaktionen beeinflussen können. Wie zuverlässig diese Effekte unter Feldbedingungen auftreten, hängt jedoch stark vom jeweiligen System ab.

Die Zukunft dieses Pilzes liegt möglicherweise nicht in einem einzelnen spektakulären Wirkstoff. Sie liegt in der Verbindung mehrerer Eigenschaften: Überdauerung im Boden, Besiedlung von Wurzeln, Parasitierung von Nematodeneiern, Produktion bioaktiver Metaboliten und Anpassung an unterschiedliche ökologische Situationen.

Ketamin wäre darin kein Endpunkt. Es wäre ein Hinweis darauf, dass wir den chemischen Horizont des Pilzes noch nicht vollständig kennen.

Ein Molekül ohne Respekt vor unseren Grenzen

Vielleicht wird sich der Ketaminfund aus Pochonia chlamydosporia bestätigen. Vielleicht werden zukünftige Untersuchungen einen biologischen Herstellungsweg rekonstruieren, beteiligte Gene identifizieren und erklären, weshalb ein Bodenpilz genau diese ungewöhnliche Struktur herstellt.

Vielleicht wird die Geschichte auch nüchterner enden. Wissenschaftliche Entdeckungen dürfen sich als methodische Täuschung, Kontamination oder falsch verstandene Spur erweisen. Das ist kein Versagen, sondern Teil der wissenschaftlichen Arbeit.

Doch schon heute erzählt der Pilz etwas Wesentliches.

Botanische Illustration mit farbenfrohen Blüten, Heilpflanzen und grünen Blättern vor gelbem Hintergrund in psychedelischem Stil.

Die Natur ist kein abgeschlossenes Verzeichnis bekannter Substanzen. Sie ist ein chemischer Möglichkeitsraum, den wir erst in Ausschnitten kennen. Manchmal isolieren Menschen ein Molekül aus einer Pflanze und bauen es später im Labor nach. Manchmal entwerfen sie eine Struktur am Reißbrett – und entdecken Jahrzehnte danach, dass ein anderer Organismus denselben chemischen Gedanken offenbar längst gedacht hat.

Pochonia chlamydosporia lebt im Boden, unsichtbar zwischen Wurzeln und Nematodeneiern. Dort braucht er keine Narkose, keine Psychiatrie und keine Philosophie.

Und dennoch könnte ausgerechnet dieser unscheinbare Bodenpilz ein Molekül hervorbringen, das wir jahrzehntelang ausschließlich für eine menschliche Erfindung hielten.

Sicherheit und Harm Reduction

Pochonia chlamydosporia ist kein Lebensmittel, kein Arzneimittel und kein etablierter psychoaktiver Pilz. Pilzmaterial, Kulturen oder Extrakte sollten nicht eingenommen oder eigenständig verarbeitet werden. Aus der Identifizierung von Ketamin in einzelnen Laborfraktionen lässt sich weder eine psychoaktive Wirkung noch eine kontrollierbare oder sichere Anwendung ableiten.

Biologische Präparate für Landwirtschaft und Pflanzenschutz sollten ausschließlich entsprechend ihrer Zulassung und Herstellerangaben verwendet werden. Für den Umgang mit konzentrierten Pilzsporen oder Laborpräparaten gelten geeignete Schutzmaßnahmen, insbesondere bei Allergien oder Atemwegserkrankungen.

Ketamin selbst ist ein medizinisch wirksamer und verschreibungspflichtiger Arzneistoff. Seine medizinische Anwendung gehört in professionelle Hände. Der mögliche natürliche Ursprung verändert weder seine pharmakologischen Risiken noch die Gefahren eines unkontrollierten Konsums.

Quellen

Ferreira, S. R. et al. (2020). Ketamine can be produced by Pochonia chlamydosporia: an old molecule and a new anthelmintic? Parasites & Vectors, 13, 527.
https://doi.org/10.1186/s13071-020-04402-w

Kerry, B. R. et al. (2013). Pochonia chlamydosporia: Advances and challenges to improve its performance as a biological control agent of sedentary endo-parasitic nematodes. Journal of Nematology, 45(1), 1–7.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC3625126/

Lin, R. et al. (2018). Genome and secretome analysis of Pochonia chlamydosporia provide new insight into egg-parasitic mechanisms. Scientific Reports, 8, 1123.
https://doi.org/10.1038/s41598-018-19169-5

Lacatena, F. et al. (2019). Chlamyphilone, a novel Pochonia chlamydosporia metabolite with insecticidal activity. Molecules, 24(4), 750.
https://doi.org/10.3390/molecules24040750

Qin, F., Li, Y., Lin, R., Zhang, X., Mao, Z., Ling, J., Yang, Y., Zhuang, X., Du, S., Cheng, X. & Xie, B. (2019). Antibacterial Radicicol Analogues from Pochonia chlamydosporia and Their Biosynthetic Gene ClusterJournal of Agricultural and Food Chemistry, 67(26), 7266–7273.
https://doi.org/10.1021/acs.jafc.9b01977

Fonseca, J. D. S. et al. (2023). Nematophagous fungus Pochonia chlamydosporia to control parasitic diseases in animals. Applied Microbiology and Biotechnology, 107, 3859–3868.
https://doi.org/10.1007/s00253-023-12525-0

Morton, C. O., Hirsch, P. R. & Kerry, B. R. (2004). Infection of plant-parasitic nematodes by nematophagous fungi: a review of the application of molecular biology to understand infection processes and to improve biological control. Nematology, 6(2), 161–170.
https://doi.org/10.1163/1568541041218004

Domino, E. F. (2010). Taming the ketamine tiger. Anesthesiology, 113(3), 678–684.
https://doi.org/10.1097/ALN.0b013e3181ed09a2

Mion, G. (2017). History of anaesthesia: The ketamine story – past, present and future. European Journal of Anaesthesiology, 34(9), 571–575.
https://doi.org/10.1097/EJA.0000000000000638