
Steckbrief
Wissenschaftlicher Name: Minthostachys mollis (Benth.) Griseb.
Gattung: Minthostachys
Familie: Lippenblütler (Lamiaceae)
Weitere Namen: Muña, Muna, Andenminze
Verbreitung: Andenregion Südamerikas, insbesondere Peru, Bolivien, Ecuador, Kolumbien und Venezuela
Verwendete Pflanzenteile: vor allem Blätter und blühende oberirdische Triebe
Aroma: intensiv minzig, krautig, leicht kampferartig und je nach Herkunft etwas würzig
Traditionelle Verwendung: als Aufguss, Gewürz, aromatische Pflanze und zum Schutz eingelagerter Kartoffeln
Wichtige Inhaltsstoffe: je nach Chemotyp unter anderem Pulegon, Menthon, Isomenthon, Limonen, Carvacrol und verwandte Monoterpene

Der Duft der Anden
Wer getrocknete Muña zwischen den Fingern zerreibt, versteht schnell, weshalb die Pflanze in den Anden weit mehr als nur ein weiteres Küchenkraut ist. Sofort steigt ein kräftiger Duft auf: minzig, warm, ein wenig medizinisch und zugleich vertraut. Er erinnert an Pfefferminze, Polei und wilde Bergkräuter, ohne sich vollständig einer dieser Pflanzen zuordnen zu lassen.
Auf Märkten in Peru werden die gebündelten Zweige zwischen Kartoffeln, Mais, Gewürzen und anderen Heilpflanzen angeboten. Die als Andenminze bekannte Muña landet dort nicht nur in Teekannen. Sie begleitet Mahlzeiten, wird in Haushalten aufbewahrt und traditionell zwischen eingelagerte Kartoffeln gelegt. Ihr Aroma gehört damit nicht allein zur Pflanzenheilkunde, sondern auch zum Alltag, zur Landwirtschaft und zur Küche.
Gerade diese Vielseitigkeit macht Muña interessant. Die Pflanze steht an einer Schnittstelle, die in der Ethnobotanik besonders spannend ist: zwischen Nahrung und Arzneipflanze, zwischen Geschmack und biologischer Funktion, zwischen überliefertem Erfahrungswissen und moderner Naturstoffforschung.
Muña ist nicht immer dieselbe Pflanze
Der Name Muña bezeichnet keinen weltweit einheitlichen botanischen Rohstoff. In verschiedenen Regionen der Anden kann er für mehrere aromatische Arten verwendet werden, vor allem für Vertreter der Gattung Minthostachys. Diese gehört zur Familie der Lippenblütler und umfasst nach gegenwärtiger botanischer Einordnung 17 anerkannte Arten.
Am häufigsten wird Muña mit Minthostachys mollis gleichgesetzt. Besonders in Peru spielt jedoch auch Minthostachys setosa eine Rolle. Andere regional als Muña bezeichnete Pflanzen können wiederum zu weiteren Arten oder gelegentlich sogar zu anderen Gattungen gehören. Für wissenschaftliche Aussagen ist diese Unterscheidung entscheidend: Eine Untersuchung zu Minthostachys mollis lässt sich nicht automatisch auf jede Pflanze übertragen, die auf einem Markt als Muña verkauft wird.
Die Gattung ist entlang der Anden von Venezuela bis in den Norden Argentiniens verbreitet. Ihre Arten wachsen überwiegend in montanen Lebensräumen. Es handelt sich meist um aromatische, locker verzweigte Sträucher oder Halbsträucher mit gegenständigen Blättern und kleinen weißen bis blass lilafarbenen Blüten. Wie bei vielen Lippenblütlern sitzen in den Blättern Drüsen, in denen flüchtige ätherische Öle gebildet und gespeichert werden.

Diese Stoffe sind nicht für den Menschen entstanden. Für die Pflanze erfüllen sie vermutlich mehrere Aufgaben zugleich: Sie können Fraßfeinde abschrecken, Mikroorganismen hemmen und an der chemischen Kommunikation mit der Umwelt beteiligt sein. Was wir als frischen Kräuterduft wahrnehmen, ist also Teil einer komplexen botanischen Verteidigungsstrategie.
Ein Kraut zwischen Küche, Hausapotheke und Kartoffellager
In der traditionellen Verwendung der Anden wird Muña besonders häufig mit Beschwerden des Verdauungssystems verbunden. Aufgüsse aus den Blättern werden nach üppigen Mahlzeiten oder bei einem unangenehmen Gefühl im Bauch getrunken. Ethnobotanische Erhebungen dokumentieren außerdem Anwendungen bei Erkältungssymptomen, Atemwegsbeschwerden, Schmerzen und verschiedenen alltäglichen Befindlichkeitsstörungen.
Solche Verwendungen sind regional unterschiedlich. Muña kann allein aufgegossen oder mit anderen Pflanzen kombiniert werden. Neben Tee kommen Abkochungen, Einreibungen, aromatische Dämpfe, Umschläge und alkoholische Auszüge vor. Die Vielfalt der Zubereitungen zeigt, wie tief die Pflanze in lokale Versorgungssysteme eingebunden ist. Sie ist dort nicht bloß ein “Heilkraut”, sondern ein vielseitig verwendetes Haushaltsmittel.
Hinzu kommt ihre kulinarische Seite. Das intensive Aroma passt zu Kartoffeln, Suppen, Eintöpfen und herzhaften Speisen. Gerade nach schweren Mahlzeiten wird Muña-Tee wegen seines kräftigen, frischen Geschmacks geschätzt. Ob eine Person den Aufguss als angenehm minzig oder beinahe kampferartig empfindet, hängt stark von Herkunft, Qualität und Zusammensetzung des Pflanzenmaterials ab.
Eine der bemerkenswertesten Anwendungen findet allerdings nicht im Kochtopf, sondern im Kartoffellager statt. Getrocknete Muña-Zweige werden traditionell zwischen Knollen verteilt. Der intensive Geruch soll Vorratsschädlinge fernhalten und die Lagerung unterstützen. Dabei treffen ethnobotanisches Wissen und ökologische Funktion unmittelbar aufeinander: Dieselben flüchtigen Stoffe, die das Kraut aromatisch machen, können auch auf Insekten abschreckend wirken.
Eine 2026 veröffentlichte Feldstudie untersuchte diese Praxis unter realitätsnahen Bedingungen in zwei peruanischen Hochlandregionen. Getrocknete Blätter verschiedener aromatischer Pflanzen wurden über 187 Tage gemeinsam mit Saatkartoffeln gelagert. Muña und Wermut gehörten zu den wirksamsten Behandlungen gegen die Kartoffelknollenmotte Symmetrischema tangolias. Die Ergebnisse bestätigen nicht jede traditionelle Aussage, zeigen aber, dass die Nutzung aromatischer Blätter im Kartoffellager auf einer biologisch plausiblen und praktisch messbaren Wirkung beruhen kann.
Warum Muña so unterschiedlich riechen kann
Die chemische Zusammensetzung von Minthostachys mollis ist keineswegs konstant. Analysen des ätherischen Öls zeigen deutliche Unterschiede zwischen Pflanzen verschiedener Herkunft. Boden, Höhenlage, Klima, Jahreszeit, Entwicklungsstadium, Erntezeitpunkt und Verarbeitung können beeinflussen, welche flüchtigen Verbindungen dominieren.
Besonders häufig werden zwei größere chemische Muster beschrieben. Bei vielen peruanischen Proben stehen Pulegon und Menthon im Vordergrund. Andere Populationen enthalten höhere Anteile von Carvacrol und verwandten Verbindungen. Daneben finden sich je nach Probe Isomenthon, Limonen, Piperiton und zahlreiche weitere Terpene.
Pulegon vermittelt einen intensiven, minzigen und leicht medizinischen Duft. Menthon trägt zu der kühlen, pfefferminzartigen Wahrnehmung bei, während Carvacrol eher an Thymian oder Oregano erinnern kann. Zwei Packungen Muña können deshalb deutlich verschieden riechen, obwohl beide botanisch derselben Art zugeordnet werden.
Für die Forschung ist diese chemische Vielfalt eine Herausforderung. Ergebnisse mit einem pulegonreichen ätherischen Öl sagen nur eingeschränkt etwas über einen carvacrolreichen Chemotyp aus. Auch ein wässriger Tee ist nicht mit einem konzentrierten ätherischen Öl gleichzusetzen. Wasser löst andere Stoffmengen und Stoffgruppen als eine Destillation oder ein alkoholischer Extrakt.
Gerade deshalb geht die Forschung zunehmend in Richtung Standardisierung. Untersucht wird nicht nur, ob Muña eine bestimmte biologische Aktivität zeigt, sondern welche chemische Zusammensetzung dafür verantwortlich sein könnte. Herkunft, Pflanzenart und Extraktionsmethode werden damit zu einem wesentlichen Teil der wissenschaftlichen Fragestellung.
Was die Forschung über die Verdauung untersucht
Die traditionelle Verwendung bei Verdauungsbeschwerden hat einen großen Teil der pharmakologischen Forschung angestoßen. Untersucht werden vor allem mögliche krampflösende, magenschützende, antimikrobielle und entzündungsmodulierende Eigenschaften von Extrakten und ätherischen Ölen.

Tierexperimentelle Arbeiten beschäftigen sich unter anderem mit künstlich erzeugten Schädigungen der Magenschleimhaut. Einzelne Studien berichten, dass Präparate mit Minthostachys mollis die Ausprägung solcher Läsionen verringerten. Teilweise wurden allerdings Mischungen mit Kartoffel und Katzenkralle verwendet. Aus solchen Versuchen lässt sich nicht bestimmen, welchen Anteil Muña allein am beobachteten Ergebnis hatte.
Als mögliche Mechanismen diskutieren Forschende antioxidative Effekte, eine Beeinflussung entzündlicher Prozesse sowie direkte Wirkungen auf die glatte Muskulatur und die Magenschleimhaut. Auch die antimikrobielle Aktivität des ätherischen Öls könnte langfristig für gastrointestinale Fragestellungen interessant werden. Bislang handelt es sich dabei überwiegend um Labor- und Tierforschung.
Belastbare klinische Studien, in denen standardisierte Muña-Präparate bei Menschen mit klar definierten Verdauungsbeschwerden geprüft wurden, fehlen weitgehend. Die traditionelle Verwendung als aromatischer Aufguss ist daher besser dokumentiert als eine konkrete medizinische Wirksamkeit. Wissenschaftlich interessant ist die als Andenminze bekannte Muña dennoch, weil die Pflanze mehrere Forschungsrichtungen verbindet: Verdauungsphysiologie, Naturstoffchemie, mikrobielle Ökologie und die Entwicklung standardisierter pflanzlicher Präparate.
Bakterien, Pilze und flüchtige Abwehrstoffe
Ätherische Öle sind komplexe Gemische fettlöslicher Moleküle. Einige ihrer Bestandteile können sich in Zellmembranen von Mikroorganismen einlagern, deren Durchlässigkeit verändern und wichtige Stoffwechselprozesse stören. Dieser allgemeine Mechanismus erklärt, weshalb viele stark aromatische Lippenblütler im Labor eine antimikrobielle Wirkung zeigen.
Auch Extrakte und ätherische Öle von Minthostachys mollis wurden gegen verschiedene Bakterien und Pilze getestet. Mehrere Untersuchungen berichten von Wachstumshemmungen, wobei die Stärke der Wirkung von Mikroorganismus, Konzentration, Extraktionsverfahren und chemischem Profil abhängt. Pulegon-, Menthon- und Carvacrol-reiche Öle können sich dabei deutlich unterscheiden.
Solche Laborbefunde machen Muña für Lebensmitteltechnologie, Vorratsschutz und Landwirtschaft interessant. Denkbar sind natürliche Aromastoffe, pflanzliche Repellentien oder ergänzende Verfahren zur Kontrolle bestimmter Mikroorganismen und Schädlinge. Zwischen einer Hemmzone in einer Petrischale und einer sicheren Anwendung in Lebensmitteln oder beim Menschen liegt allerdings ein langer Entwicklungsweg.

Gerade im landwirtschaftlichen Bereich wirkt dieser Weg vergleichsweise greifbar. Die traditionelle Lagerung von Kartoffeln mit aromatischen Blättern lässt sich experimentell untersuchen, ohne Muña sofort zu einem medizinischen Wirkstoff erklären zu müssen. Vielleicht liegt ein wichtiger Teil ihrer modernen Bedeutung daher nicht in einer spektakulären neuen Arznei, sondern in lokal angepassten, pflanzenbasierten Methoden des Vorratsschutzes.
Kein klassisches psychoaktives Kraut
Muña wird gelegentlich in einem Umfeld angeboten, in dem auch psychoaktive oder rituell verwendete Pflanzen vorkommen. Für eine psychedelische, berauschende oder anderweitig deutlich bewusstseinsverändernde Wirkung gibt es jedoch keine überzeugenden Belege.
Ein heißer, intensiv duftender Aufguss kann als anregend, klärend, wohltuend oder entspannend erlebt werden. Solche Empfindungen lassen sich durch Aroma, Wärme, Erwartung, Verdauung und den kulturellen Rahmen beeinflussen. Sie sollten nicht mit einer spezifischen psychoaktiven Wirkung gleichgesetzt werden.
In den Anden wird Muña bis heute häufig Reisenden angeboten. Ähnlich wie Coca-Tee gehört sie in manchen Regionen zum kulinarischen Alltag in großen Höhen. Die traditionelle Nutzung bei Beschwerden im Zusammenhang mit dem Aufenthalt in den Bergen ist gut dokumentiert. Ob die Pflanze tatsächlich einen messbaren Einfluss auf die Höhenanpassung besitzt, ist bislang jedoch kaum klinisch untersucht.
Auch Behauptungen, Muña steigere zuverlässig die Libido, “stärke das Immunsystem” oder erleichtere unmittelbar die Anpassung an große Höhen, sind wissenschaftlich nicht ausreichend abgesichert. Sie gehören eher in den Bereich traditioneller Zuschreibungen, persönlicher Erfahrungen oder moderner Vermarktung als in den Bereich klinisch bestätigter Wirkungen.
Das macht die Pflanze nicht weniger spannend. Im Gegenteil: Muña zeigt, dass ethnobotanische Bedeutung nicht von einem spektakulären Rausch abhängen muss. Ihr Reiz liegt im Duft, im Geschmack, in der Verbindung zur andinen Landwirtschaft und in der Frage, wie traditionelles Wissen durch moderne Forschung neu verstanden werden kann.
Muña als Tee und aromatisches Pflanzenmaterial
Getrocknete Muña eignet sich vor allem für Menschen, die kräftige Kräuteraufgüsse und ungewöhnliche Aromen mögen. Gutes Pflanzenmaterial sollte deutlich und frisch riechen. Ein schwacher, muffiger oder ausschließlich staubiger Geruch kann auf lange Lagerung, Feuchtigkeit oder einen Verlust flüchtiger Bestandteile hindeuten.
Da unterschiedliche Arten und Chemotypen unter demselben Namen gehandelt werden können, sind eine botanische Bezeichnung und eine nachvollziehbare Herkunft besonders hilfreich. Auch Farbe und Struktur geben Hinweise: Die Blätter sollten als solche erkennbar sein und nicht überwiegend aus feinem Pulver, verfärbten Resten oder fremdem Pflanzenmaterial bestehen.
Wer den charakteristischen Duft der Anden selbst kennenlernen möchte, findet bei Querbeet sorgfältig getrocknete Muña aus Peru 🙂 Gerade bei einer so aromatischen Pflanze lässt sich ihre Besonderheit am einfachsten über einen klassischen Kräuteraufguss entdecken. Der Geschmack lässt sich jedoch schwer mit gewöhnlicher Pfefferminze vergleichen: Muña ist oft herber, würziger und deutlich eigenständiger.

Eine Pflanze, die mehr als eine Geschichte erzählt
Muña lässt sich nicht auf die Formel “Minze gegen Bauchweh” reduzieren. Die Pflanze erzählt von der Artenvielfalt der Anden, von regionalen Namen und schwer voneinander abzugrenzenden Arten. Sie verbindet die Teekanne mit dem Kartoffellager, traditionelle Hausmittel mit moderner Analytik und ein vertraut wirkendes Minzaroma mit einer erstaunlich variablen Chemie.
Die klinische Forschung steht noch am Anfang. Gleichzeitig zeigen Laboruntersuchungen, Tiermodelle und landwirtschaftliche Feldversuche, weshalb Minthostachys mollis wissenschaftlich Aufmerksamkeit erhält. Besonders interessant sind ihre flüchtigen Inhaltsstoffe, ihre antimikrobiellen Eigenschaften und ihre mögliche Rolle in nachhaltigen Verfahren des Vorrats- und Pflanzenschutzes.
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb die als Andenminze bekannte Muña seit Jahrhunderten ihren Platz in den Anden behauptet hat. Nicht weil sie spektakuläre Versprechen macht, sondern weil sie Geschmack, Duft, Kulturgeschichte und praktische Anwendung auf ungewöhnliche Weise verbindet. Je mehr die Forschung ihre Inhaltsstoffe versteht, desto deutlicher wird, dass hinter dem unscheinbaren Bergkraut weit mehr steckt als eine aromatische Tasse Tee.

Sicherheit und verantwortungsvoller Umgang
Zwischen einem üblichen Kräuteraufguss und konzentriertem ätherischem Muña-Öl besteht ein wesentlicher Unterschied. Das ätherische Öl kann hohe Mengen Pulegon enthalten. Dieser Stoff wird in konzentrierter Form mit Lebertoxizität in Verbindung gebracht und ist nicht für eine unkritische innerliche Anwendung geeignet.
In einer Tierstudie zeigten sehr hohe orale Dosen des ätherischen Öls deutliche toxische Wirkungen. Solche Mengen entsprechen nicht einem gewöhnlichen Aufguss, unterstreichen aber, weshalb ätherische Öle nicht wie Tee behandelt werden dürfen. Unverdünntes Muña-Öl sollte weder eingenommen noch großflächig auf die Haut aufgetragen werden. Gewöhnliche Kräuteraufgüsse unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Zusammensetzung und Konzentration deutlich von isolierten ätherischen Ölen.
Quellen
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