Die Rinde des Hautbaums: das Wunder aus Südamerika (Mimosa hostilis)

Zweig von Mimosa tenuiflora mit gefiederten Blättern und weißen Blütenständen

Steckbrief

Wissenschaftlicher Name: Mimosa tenuiflora (Willd.) Poir.
Bekanntes Synonym: Mimosa hostilis Benth.
Bekannt als: Jurema-preta, Jurema, Tepezcohuite, Tepescohuite
Populäre Bezeichnung: “Hautbaum”
Familie: Hülsenfrüchtler (Fabaceae)
Verbreitung: von Mexiko über Teile Mittelamerikas und des nördlichen Südamerikas bis nach Brasilien
Lebensraum: tropische Trockenwälder, Dornbuschgesellschaften und die brasilianische Caatinga
Wuchsform: Strauch bis kleiner Baum
Traditionell verwendete Pflanzenteile: vor allem Stamm- und Wurzelrinde
Wichtige Inhaltsstoffe: Tannine, Triterpensaponine wie Mimonoside, Sterole, Polysaccharide sowie Tryptamin-Alkaloide
Forschungsgebiete: Wundheilung, Hautregeneration, Fibroblasten, antimikrobielle Aktivität, Naturstoffchemie und Ethnopharmakologie
Besonderheit: Die Rinde enthält N,N-Dimethyltryptamin (DMT); in Nordostbrasilien besitzt die Pflanze als Jurema eine eigenständige Ritualgeschichte.

Ein Baum bekommt eine zweite Haut

Als Salma Hayek 2015 mit ELLE über ihre Hautpflege sprach, fiel ein Name, den außerhalb Mexikos damals wohl nur wenige Leser*innen kannten: Tepezcohuite.

Hayek erzählte von einer Pflanzenrinde, die in Mexiko bei Verbrennungsopfern verwendet werde und der sie außergewöhnliche regenerierende Eigenschaften zuschrieb. Sie berichtete außerdem, dass die Zutat bei der Entwicklung ihrer Kosmetiklinie selbst amerikanischen Labormitarbeiter*innen zunächst unbekannt gewesen sei. Im selben Interview brachte sie Tepezcohuite sogar mit ihrer Entscheidung gegen Botox und Peelings in Verbindung.

Das ist zunächst eine Prominentengeschichte und keine klinische Studie. Interessant ist sie trotzdem. Denn hinter dem exotisch klingenden Kosmetikstoff verbirgt sich eine Pflanze mit einer ungewöhnlichen Doppelbiografie.

In Mexiko wurde ihre Rinde als traditionelles Mittel für verletzte Haut bekannt. In Nordostbrasilien ist dieselbe Art als Jurema-preta Teil indigener Ritualtraditionen. In der Naturstoffforschung interessiert sie wegen Tanninen, Saponinen und Polysacchariden. Und in psychonautischen Kreisen kennt man Mimosa hostilis vor allem wegen eines völlig anderen Inhaltsstoffs: DMT.

Der “Hautbaum” ist damit gleichzeitig Heilpflanze, Ritualpflanze und Forschungsobjekt. Nur eines ist er entgegen einer verbreiteten Vorstellung nicht wirklich: ein typischer Baum des Amazonas-Regenwaldes.

Zwischen Mexiko und der Caatinga

Der botanisch akzeptierte Name lautet heute Mimosa tenuiflora (Willd.) Poir. Mimosa hostilis Benth. ist ein Synonym, das besonders im ethnobotanischen Handel und in psychonautischer Literatur weiterhin häufig verwendet wird.

Trockene Caatinga-Landschaft mit Kakteen und laublosen Bäumen in Pernambuco, Brasilien

Die natürliche Verbreitung ist erstaunlich groß. Sie reicht vom südlichen Mexiko über Mittelamerika und Teile Kolumbiens und Venezuelas bis nach Brasilien. Besonders prägend ist die Art für die Caatinga im Nordosten Brasiliens: eine heiße, saisonal extrem trockene Landschaft, die mit dem klassischen Bild eines immerfeuchten Amazonaswaldes wenig gemeinsam hat.

Mimosa tenuiflora ist an solche Bedingungen bemerkenswert gut angepasst. Sie wächst als stark verzweigter, häufig dorniger Strauch oder kleiner Baum und trägt die für Mimosengewächse charakteristischen fein gefiederten Blätter. Ihre weißen, länglichen Blütenstände heben sich deutlich vom dunkleren Geäst ab.

Vor allem aber ist Jurema eine Überlebenskünstlerin. Die Art kann gestörte Flächen besiedeln und nach Beschädigungen erneut austreiben. Als Hülsenfrüchtler kann sie zudem über die für viele Vertreter dieser Pflanzenfamilie charakteristischen Beziehungen zu stickstofffixierenden Mikroorganismen zur Nährstoffdynamik ihres Lebensraums beitragen. Dadurch ist sie nicht nur ethnobotanisch interessant, sondern auch ökologisch ein bemerkenswerter Bestandteil trockener Landschaften.

Vielleicht liegt darin ein Teil ihrer kulturellen Bedeutung. Jurema ist kein empfindliches botanisches Juwel, das nur in einem unberührten Regenwald überlebt. Sie ist eine widerstandsfähige Pflanze trockener, mitunter harscher Landschaften.

Und gerade ihre Rinde wurde berühmt.

Warum Tepezcohuite zum “Hautbaum” wurde

In Mexiko kennt man Mimosa tenuiflora als Tepezcohuite oder Tepescohuite. Die populäre Übersetzung als “Hautbaum” ist allerdings weniger eindeutig, als moderne Produktbeschreibungen vermuten lassen. Botanische Literatur nennt unterschiedliche Herleitungen aus dem Nahuatl. Eine davon deutet den Namen vielmehr als “Baum des Hügels”.

Getrocknete Baumrinde in den Händen einer Person

Die Vorstellung vom “árbol de la piel”, dem Hautbaum, verbreitete sich vor allem im späten 20. Jahrhundert.

Eine entscheidende Rolle spielte eine Katastrophe. Nach schweren Gasexplosionen in Mexiko-Stadt im Jahr 1984 wurde pulverisierte Tepezcohuite-Rinde empirisch zur Versorgung von Verbrennungsverletzungen eingesetzt. Berichte über vermeintlich außergewöhnliche Heilungsverläufe machten die Pflanze anschließend weit über ihre Herkunftsregion hinaus bekannt.

Aus einer regional verwendeten Pflanzenrinde wurde beinahe ein Mythos.

Genau hier lohnt sich der Blick in die Forschung. Denn hinter der Übertreibung steckt tatsächlich interessante Pharmakologie.

Was die Rinde chemisch interessant macht

Die Rinde von Mimosa tenuiflora ist kein Naturstoff mit einem einzelnen “Wirkstoff”. Sie enthält ein komplexes Gemisch verschiedener Stoffgruppen.

Besonders auffällig sind Tannine. Diese pflanzlichen Gerbstoffe können Proteine binden und besitzen adstringierende Eigenschaften. Extrakte der Rinde zeigten in Laboruntersuchungen außerdem Aktivität gegen verschiedene Mikroorganismen. Tannine werden als eine mögliche Erklärung dafür diskutiert.

Hinzu kommen Triterpensaponine, darunter Mimonosid A, B und C. In der Rinde wurden außerdem Lupeol sowie verschiedene Pflanzensterole wie Campesterol, Stigmasterol und Beta-Sitosterol identifiziert.

Noch spannender wurde die Geschichte, als Forschende die größeren Zuckermoleküle der Rinde untersuchten. Eine Arbeitsgruppe beschäftigte sich mit Arabinogalactanen, komplexen Polysacchariden aus Mimosa tenuiflora. Bestimmte isolierte Fraktionen steigerten in Zellkultur die metabolische Aktivität und Vermehrung menschlicher dermaler Fibroblasten.

Fibroblasten gehören zu den zentralen Zellen des Bindegewebes. Sie bilden unter anderem Bestandteile der extrazellulären Matrix und spielen bei Reparaturprozessen der Haut eine wichtige Rolle.

Damit bekommt die alte Geschichte vom Hautbaum eine molekularbiologische Ebene.

Vom traditionellen Wundmittel ins Labor

Präklinisch ergibt sich inzwischen ein interessantes Gesamtbild. Extrakte und isolierte Bestandteile werden auf antimikrobielle Eigenschaften und ihre möglichen Einflüsse auf Zellen und Prozesse untersucht, die an der Geweberegeneration beteiligt sind.

Das bedeutet allerdings nicht, dass pulverisierte Baumrinde automatisch ein modernes Wundheilmittel wäre. Pflanzenextrakte unterscheiden sich je nach Herkunft, Pflanzenteil und Herstellung erheblich. Und Ergebnisse mit isolierten Zellkulturen oder einzelnen Fraktionen lassen sich nicht einfach auf kosmetische Produkte oder die Behandlung von Verletzungen übertragen.

Besonders interessant sind deshalb die wenigen Untersuchungen am Menschen.

Eine randomisierte kontrollierte Studie untersuchte ein standardisiertes Hydrogel mit Mimosa-tenuiflora-Extrakt bei venösen Beingeschwüren. Zwar verkleinerte sich die Wundfläche während der Behandlung, allerdings geschah dies auch in der Kontrollgruppe, die ein Hydrogel ohne den Pflanzenextrakt erhielt. Ein statistisch signifikanter zusätzlicher Effekt des Mimosa-Extrakts ließ sich nicht feststellen.

Die klinische Evidenz ist damit wesentlich weniger spektakulär als der Ruf des “Wunderbaums”.

Interessant bleibt die Pflanze trotzdem. Denn moderne Forschung versucht inzwischen nicht mehr nur zu fragen, ob “Tepezcohuite wirkt”. Interessanter ist, welche Bestandteile der Rinde mit welchen biologischen Prozessen interagieren und welche standardisierten Extrakte sich überhaupt sinnvoll untersuchen lassen.

Salma Hayek und die Rückkehr des Tepezcohuite

Genau an dieser Stelle bekommt das ELLE-Interview von 2015 eine interessante kulturgeschichtliche Bedeutung.

Salma Hayek bei einer öffentlichen Veranstaltung

Hayek, geboren 1966, erfand Tepezcohuite nicht als Beauty-Trend. Sie transportierte vielmehr einen in Mexiko bereits bekannten Pflanzenstoff in die internationale Kosmetikwelt. Ihre Aussagen über Hautregeneration und ihre persönliche Hautpflege sind keine wissenschaftlichen Wirksamkeitsnachweise. Aber sie zeigen, wie traditionelles Pflanzenwissen, Kosmetikindustrie und moderne Naturstoffforschung ineinandergreifen können.

Heute findet sich Tepezcohuite in Cremes, Seren, Seifen und kosmetischen Extrakten.

Wer solche Produkte beurteilen möchte, sollte weniger auf Begriffe wie “Wunderbaum” achten als auf nachvollziehbare Angaben: Welche Pflanzenart wurde verwendet? Handelt es sich um Stamm- oder Wurzelrinde? Welcher Extrakt steckt im Produkt? Ist seine Herstellung nachvollziehbar? Und in welcher kosmetischen Form wird er eingesetzt?

Denn Mimosa tenuiflora besitzt noch eine zweite chemische Geschichte, bei der der verwendete Pflanzenteil besonders wichtig wird.

Jurema: dieselbe Pflanze, eine andere Geschichte

Reist man gedanklich von Mexiko nach Nordostbrasilien, verändert sich die Bedeutung der Pflanze grundlegend.

Hier heißt sie Jurema-preta. Verschiedene indigene Gemeinschaften der Region verwenden Jurema in religiösen und kulturellen Zusammenhängen. Ethnobotanische Arbeiten dokumentieren sie beispielsweise bei Xucuru und Pankararé sowie in weiteren Traditionen des brasilianischen Nordostens.

Trockene Landschaft im Sertão im Nordosten Brasiliens mit Rindern und Kakteen

Jurema ist dabei weit mehr als ein botanischer Rohstoff für einen psychoaktiven Inhaltsstoff. Sie steht in Verbindung mit Ritualen wie dem Toré, mit Heilungsvorstellungen, Gemeinschaft und religiösen Weltbildern. In einigen dieser Traditionen spielen auch die “encantados” eine Rolle, spirituelle Wesen beziehungsweise verehrte Vorfahr*innen.

Historische Quellen dokumentieren Jurema-Rituale bereits im kolonialen Brasilien. Später entwickelten sich außerdem religiöse Traditionen, in denen indigene, afrobrasilianische und andere kulturelle Einflüsse miteinander verbunden wurden.

Diese Geschichte auf “eine Pflanze mit DMT” zu reduzieren, würde ihr kaum gerecht.

Und doch gehört DMT zur Chemie der Pflanze.

Warum Mimosa hostilis in der Psychonautik bekannt wurde

In der Rinde von Mimosa tenuiflora, insbesondere in der Wurzelrinde, wurden Tryptamin-Alkaloide nachgewiesen. Das bekannteste ist N,N-Dimethyltryptamin, kurz DMT.

Strukturformel von DMT (N,N-Dimethyltryptamin)

Analysen verschiedener Proben zeigen zugleich, wie problematisch pauschale Angaben zum Alkaloidgehalt sind. Konzentrationen können je nach Pflanzenteil, Herkunft, Alter und Umweltbedingungen erheblich schwanken. Eine Untersuchung verschiedener Rindenproben fand entsprechend deutliche Unterschiede im gemessenen DMT-Gehalt.

DMT wirkt vor allem über serotonerge Rezeptorsysteme. Für die psychedelische Wirkung ist insbesondere der 5-HT2A-Rezeptor von Bedeutung.

Eine ethnopharmakologisch besonders spannende Frage bleibt dabei die traditionelle Jurema-Zubereitung. Oral aufgenommenes DMT besitzt aufgrund des raschen First-Pass-Metabolismus durch Monoaminoxidase A normalerweise nur eine sehr geringe orale Bioverfügbarkeit. Bei Ayahuasca wird DMT-haltiges Pflanzenmaterial deshalb traditionell mit Banisteriopsis caapi kombiniert. Die darin enthaltenen Beta-Carboline hemmen Monoaminoxidase A vorübergehend und verändern dadurch die Pharmakokinetik des DMT.

Traditionelle Jurema-Praktiken lassen sich jedoch nicht einfach mit diesem pharmakologischen Modell der Ayahuasca gleichsetzen. Welche Pflanzenkombinationen historisch verwendet wurden und wie die berichteten Wirkungen verschiedener Jurema-Zubereitungen pharmakologisch zustande kommen, wird weiterhin diskutiert.

Gerade diese offene Frage macht Jurema für Ethnopharmakolog*innen so interessant.

Zwei Forschungswelten in einer Rinde

Kaum eine Pflanze zeigt so deutlich, wie unterschiedlich ein Naturstoff gelesen werden kann.

Die Dermatologie sieht Tannine, Saponine, Polysaccharide und Fibroblasten. Die Ethnobotanik sieht Tepezcohuite und mexikanische Wundbehandlung. Die Religionswissenschaft begegnet Jurema, Toré und den Traditionen Nordostbrasiliens. Die Psychopharmakologie wiederum interessiert sich für DMT und serotonerge Signalwege.

Keine dieser Perspektiven erzählt allein die ganze Geschichte.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Reiz von Mimosa tenuiflora. Der “Hautbaum” ist weder ein kosmetisches Wundermittel noch bloß eine weitere DMT-haltige Pflanze. Seine Geschichte reicht von den trockenen Landschaften der Caatinga über indigene Ritualkulturen und die mexikanische Pflanzenkunde bis in dermatologische Labore und schließlich sogar in ein ELLE-Interview mit Salma Hayek.

Die moderne Forschung nimmt dabei Stück für Stück auseinander, was sich hinter dem außergewöhnlichen Ruf dieser Rinde verbirgt: ein chemisch vielfältiges Pflanzenmaterial aus einer bemerkenswert widerstandsfähigen Art, deren Bedeutung je nach Ort und Kultur eine völlig andere sein kann.

Und vielleicht ist das am Ende interessanter als jedes Versprechen von einem “Wunderbaum”.

Mimosa tenuiflora (Mimosa hostilis) mit weißen Blütenständen und gefiederten Blättern

Sicherheit und Harm Reduction

Kosmetische Extrakte aus Mimosa tenuiflora sind nicht mit roher Rinde oder selbst hergestellten Zubereitungen gleichzusetzen. Bei offenen Wunden und schweren Verbrennungen sollte unsteriles Pflanzenmaterial nicht als Ersatz für eine fachgerechte medizinische Wundversorgung verwendet werden. Auch pflanzliche Kosmetika können Hautreizungen oder allergische Reaktionen verursachen.

Bei innerlicher beziehungsweise psychoaktiver Verwendung verändert sich das Risikoprofil deutlich. DMT ist ein stark psychoaktives Tryptamin, während die Konzentrationen im Pflanzenmaterial erheblich schwanken können. Besonders Kombinationen mit MAO-Hemmern können relevante und schwer vorhersehbare Wechselwirkungen mit Arzneimitteln und anderen psychoaktiven Substanzen verursachen. Besondere Vorsicht gilt unter anderem während Schwangerschaft und Stillzeit sowie bei Jugendlichen und Menschen mit psychischen oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Quellen

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