
Ketamin gehört zu den ungewöhnlicheren Geschichten der modernen Psychiatrie. Eine Substanz, die ursprünglich entwickelt wurde, um Menschen während medizinischer Eingriffe von Schmerz und Umgebung abzuschirmen, wird heute aus einem beinahe gegenteiligen Grund untersucht: weil sie möglicherweise einen neuen Zugang zum eigenen Erleben ermöglichen kann.
Was passiert, wenn sich das Denken für einige Stunden verändert?
Bei manchen Menschen mit schweren Depressionen verändert eine Ketamingabe die Symptome innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen. Das allein war bemerkenswert genug, um die Depressionsforschung nachhaltig zu beeinflussen. Doch inzwischen geht es um eine zweite, kompliziertere Frage.
Was geschieht, wenn man Ketamin nicht nur als schnell wirkendes Medikament betrachtet, sondern den vorübergehend veränderten Bewusstseinszustand bewusst in eine Psychotherapie einbettet?
Daraus entstand die Ketamin-gestützte Psychotherapie, international meist Ketamine-Assisted Psychotherapy oder KAP genannt. Sie verbindet Pharmakologie mit einer Idee, die derzeit auch die Forschung zu klassischen Psychedelika beschäftigt: Vielleicht kann eine Substanz nicht nur Symptome verändern, sondern für eine begrenzte Zeit Bedingungen schaffen, unter denen psychische Veränderung leichter möglich wird.

Doch genau an diesem Punkt wird es wissenschaftlich interessant. Denn dass Ketamin antidepressiv wirken kann, ist inzwischen gut belegt. Ob der veränderte Bewusstseinszustand und die begleitende Psychotherapie diesen Effekt entscheidend verstärken, ist wesentlich weniger eindeutig.
Ein Narkosemittel stellt die Psychiatrie vor eine neue Frage
Ketamin wird seit Jahrzehnten als Anästhetikum eingesetzt. Seine zweite Karriere begann, als Forschende bemerkten, dass niedrige, nicht narkotisierende Mengen bei manchen Menschen mit Depressionen ungewöhnlich rasche Veränderungen hervorrufen können.
Eine viel beachtete randomisierte Studie aus dem Jahr 2006 untersuchte Ketamin bei Menschen mit therapieresistenter Depression. Bereits einen Tag nach der Infusion zeigten sich deutliche antidepressive Effekte. Weitere Untersuchungen bestätigten grundsätzlich, dass Ketamin bei einem Teil der Patient*innen schneller wirken kann als klassische Antidepressiva.
Das war nicht nur klinisch interessant. Es stellte auch eine lange dominierende Vorstellung über die Pharmakologie von Depression infrage.
Viele etablierte Antidepressiva beeinflussen vor allem Systeme rund um Serotonin und Noradrenalin. Ketamin setzt an einem anderen Punkt an: dem Glutamatsystem. Glutamat ist der wichtigste erregende Botenstoff des menschlichen Gehirns. Ketamin blockiert unter anderem NMDA-Rezeptoren und löst damit eine komplexe Kette weiterer Veränderungen in der neuronalen Signalübertragung aus.
Damit rückte ein Begriff ins Zentrum der Diskussion, der inzwischen fast untrennbar mit Ketamin verbunden ist: Neuroplastizität.
Neuroplastizität: kein Neustart des Gehirns
Populäre Darstellungen klingen manchmal, als würde Ketamin das Gehirn kurzfristig “zurücksetzen”. Wissenschaftlich ist das wenig hilfreich.
Neuroplastizität bezeichnet vielmehr die Fähigkeit des Nervensystems, sich durch Erfahrungen zu verändern. Verbindungen zwischen Nervenzellen können stärker oder schwächer werden, neue synaptische Strukturen entstehen, bestehende Netzwerke passen sich an. Lernen, Erinnerung und auch erfolgreiche Psychotherapie beruhen auf solchen Vorgängen.

In der Ketaminforschung interessieren sich Wissenschaftler*innen unter anderem für AMPA-Rezeptoren sowie Signalwege rund um BDNF und mTOR. BDNF ist ein Protein, das an Wachstum, Erhalt und Anpassungsfähigkeit neuronaler Verbindungen beteiligt ist. Besonders präklinische Forschung deutet darauf hin, dass Ketamin Prozesse beeinflussen kann, die mit synaptischer Plastizität zusammenhängen.
Beim Menschen ist das Bild komplexer. Biomarkerstudien liefern nicht immer dieselben Ergebnisse, und aus biologischer Plastizität lässt sich nicht automatisch psychologische Veränderung ableiten.
Ein Gehirn, das vorübergehend empfänglicher für Veränderung ist, weiß schließlich nicht, welche Veränderung therapeutisch sinnvoll wäre.
Genau hier kommt die Psychotherapie ins Spiel.
Das therapeutische Fenster
Unter subanästhetischem Ketamin kann sich das Erleben deutlich verändern. Zeit kann langsamer oder schneller erscheinen. Das Körpergefühl kann ungewöhnlich leicht, fremd oder weit entfernt wirken. Gedanken tauchen manchmal weniger linear auf, Emotionen können anders wahrgenommen werden, gelegentlich entstehen bildhafte oder traumartige Erlebnisse.
Ein Teil dieser Veränderungen wird medizinisch unter dem Begriff Dissoziation zusammengefasst: Das gewohnte Gefühl der Verbindung mit dem eigenen Körper, den eigenen Emotionen oder der unmittelbaren Umgebung verändert sich vorübergehend.
Für Psychotherapeut*innen entstand daraus eine interessante Hypothese.
Menschen mit Depressionen, Traumafolgestörungen oder anderen psychischen Erkrankungen erleben Gedanken häufig nicht einfach als Gedanken. Bestimmte Bewertungen können sich vollkommen selbstverständlich anfühlen: “Ich bin wertlos.” “Es wird immer so bleiben.” “Ich bin in Gefahr.”
In einem veränderten Bewusstseinszustand können solche mentalen Gewohnheiten vorübergehend weniger fest erscheinen. Manche Patient*innen berichten von größerer emotionaler Distanz, neuen Perspektiven oder einem Gefühl, die eigene Situation von außen betrachten zu können.
Daraus stammt die Vorstellung eines “therapeutischen Fensters”: einer begrenzten Phase, in der gewohnte psychologische Muster möglicherweise leichter hinterfragt oder neu verarbeitet werden können.
Das klingt plausibel. Als abschließend bewiesener Mechanismus sollte es dennoch nicht dargestellt werden.
Ketamintherapie und Ketamin-gestützte Psychotherapie sind nicht dasselbe
Gerade hier verschwimmen Begriffe häufig.
Bei einer psychiatrischen Ketaminbehandlung wird die Substanz primär als Medikament eingesetzt. Intravenöses Ketamin kann beispielsweise unter medizinischer Überwachung zur Behandlung einer therapieresistenten Depression verwendet werden. Eine Psychotherapie während der akuten Wirkung ist dafür nicht zwingend erforderlich.

Daneben steht die Ketamin-gestützte Psychotherapie. Hier wird die Substanzerfahrung bewusst in einen psychotherapeutischen Prozess eingebettet.
Dieser beginnt idealerweise bereits vor der Gabe. Therapeut*innen besprechen mit Patient*innen Erwartungen, Ängste, aktuelle Belastungen und Ziele der Behandlung. Auch medizinische und psychiatrische Risiken müssen abgeklärt werden.
Während oder rund um die akute Wirkung kann die therapeutische Begleitung je nach Konzept unterschiedlich aussehen. Manche Ansätze sind eher zurückhaltend und konzentrieren sich auf Sicherheit und die innere Erfahrung, andere beziehen Gespräche stärker ein.
Danach folgt ein Schritt, der auch aus der psychedelisch unterstützten Psychotherapie bekannt ist: Integration. Dabei wird versucht, Erlebnisse, Gedanken oder emotionale Veränderungen aus der Sitzung mit dem weiteren therapeutischen Prozess und dem Alltag zu verbinden.
Eine Ketaminsitzung ist damit nicht einfach eine gewöhnliche Psychotherapiestunde plus Medikament. Vorbereitung, medizinische Überwachung, Substanzerfahrung und Nachbearbeitung bilden zusammen ein Behandlungskonzept.
Wie genau dieses Konzept aussehen sollte, ist allerdings noch keineswegs standardisiert.
Wie viel trägt die Psychotherapie tatsächlich bei?
Hier liegt die vielleicht wichtigste offene Frage des gesamten Feldes.
Die antidepressive Wirkung von Ketamin ist wesentlich besser untersucht als die Ketamin-gestützte Psychotherapie selbst.

Ein systematischer Review von 2023 untersuchte 19 Studien mit insgesamt 1.006 Patient*innen, in denen Ketamin mit Psychotherapie kombiniert wurde. Die Ergebnisse waren überwiegend positiv, doch die Behandlungen unterschieden sich erheblich: verschiedene Diagnosen, Psychotherapieverfahren, Arten der Ketamingabe und unterschiedliche zeitliche Abläufe.
Ein 2026 erschienener Review speziell zur therapieresistenten Depression identifizierte elf Studien zur Ketamin-gestützten Psychotherapie. Auch hier zeigen sich interessante therapeutische Signale. Gleichzeitig lässt sich noch nicht zuverlässig bestimmen, welchen zusätzlichen Effekt die Psychotherapie gegenüber einer medizinischen Ketaminbehandlung allein hat.
Noch deutlicher wird die Unsicherheit, wenn man nach dem Mechanismus fragt. Ein früherer systematischer Review fand lediglich fünf randomisierte Studien, die überhaupt Aussagen zu möglichen Wirkmechanismen der Kombination zuließen. Für therapieresistente Depression war darunter nur eine entsprechende Studie – und diese zeigte keinen zusätzlichen Vorteil der untersuchten KAP-Behandlung.
Das bedeutet nicht, dass Psychotherapie bei Ketamin bedeutungslos wäre. Es bedeutet vielmehr, dass eine überzeugende therapeutische Idee ihrer klinischen Evidenz momentan teilweise vorausläuft.
Muss man Ketamin “erleben”, damit es wirkt?
Auch die Rolle des veränderten Bewusstseinszustands selbst ist ungeklärt.
Die einfache Erklärung wäre verführerisch: Ketamin erzeugt Dissoziation, dadurch lockern sich psychische Abwehrmechanismen, und genau deshalb wirkt die Behandlung.
Doch Ketamin beeinflusst gleichzeitig biologische Prozesse, die unabhängig von der bewussten Erfahrung stattfinden. Pharmakologie und subjektives Erlebnis lassen sich deshalb schwer auseinanderhalten.

Eine ungewöhnliche Studie versuchte genau das. Menschen mit Depression erhielten während einer Operation unter Allgemeinnarkose entweder Ketamin oder Kochsalzlösung. Weil sie die akute Ketaminwirkung nicht bewusst wahrnehmen konnten, ließ sich besser untersuchen, welche Rolle Erwartung und subjektive Erfahrung spielen könnten.
In dieser kleinen Studie mit 40 Personen unterschied sich Ketamin in den ersten Tagen nach der Behandlung nicht statistisch signifikant vom Placebo.
Das widerlegt die antidepressive Wirkung von Ketamin keineswegs. Zahlreiche andere Studien sprechen dafür. Die Untersuchung macht aber sichtbar, wie schwierig die Frage nach dem eigentlichen Wirkmechanismus ist.
Vielleicht wirken Pharmakologie, Erwartung, therapeutisches Umfeld und subjektive Erfahrung nicht getrennt voneinander. Vielleicht entsteht ein Teil des klinischen Effekts gerade aus ihrem Zusammenspiel.
Wo Ketamin heute tatsächlich eingesetzt und untersucht wird
Am klarsten ist die klinische Bedeutung bei schwerer, insbesondere therapieresistenter Depression.
In der Europäischen Union ist Esketamin, eine bestimmte Molekülform des Ketamins, als Nasenspray unter dem Handelsnamen Spravato für Erwachsene mit therapieresistenter Major Depression zugelassen. Voraussetzung ist unter anderem, dass mindestens zwei unterschiedliche antidepressive Behandlungen während der aktuellen Episode nicht ausreichend gewirkt haben. Esketamin wird dabei zusammen mit einem SSRI oder SNRI eingesetzt und unter direkter medizinischer Aufsicht verabreicht.
Racemisches Ketamin, das klassische Gemisch der beiden spiegelbildlichen Molekülformen, besitzt diese spezielle Zulassung als Antidepressivum nicht. Seine psychiatrische Anwendung erfolgt deshalb je nach Setting off-label.
Bei posttraumatischen Belastungsstörungen wird Ketamin ebenfalls intensiv erforscht. Ein 2026 veröffentlichter systematischer Review mit Individualdaten-Metaanalyse untersuchte speziell die Kombination aus Ketamin und Psychotherapie bei PTBS und fand Hinweise auf therapeutische Effekte. Die Datenbasis ist jedoch deutlich kleiner als bei Depression.

Auch bei Zwangsstörungen existieren kontrollierte Studien und laufende Forschungsprojekte. Die bisherigen Ergebnisse sind interessant, aber nicht einheitlich.
Ähnliches gilt für Angststörungen, Suchterkrankungen und chronische Schmerzen. Hier sollte Ketamin-gestützte Psychotherapie eher als Forschungs- und Spezialgebiet verstanden werden denn als universell etablierte Behandlung.
Bei postpartaler Depression ist besondere sprachliche Genauigkeit nötig. Neuere Untersuchungen beschäftigen sich vor allem mit der Frage, ob Ketamin oder Esketamin rund um eine Geburt das Risiko späterer depressiver Symptome reduzieren könnte. Das ist nicht dasselbe wie eine etablierte Ketamin-gestützte Psychotherapie einer bestehenden postpartalen Depression.
Ketaminbehandlung in Österreich
Auch in Österreich wird Ketamin bei schwer behandelbaren Depressionen klinisch eingesetzt und wissenschaftlich untersucht.
Die Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien führt Ketamin ausdrücklich als Behandlungsoption bei therapieresistenter Depression an. Dort laufen außerdem Forschungsprojekte, die sich beispielsweise mit Belohnungsverarbeitung, subjektiver Erfahrung und anderen möglichen Wirkdimensionen beschäftigen.
Von “der Ketaminpsychotherapie” als einheitlicher, regulär angebotener Standardleistung kann allerdings nicht gesprochen werden. Medizinische Ketaminbehandlung, zugelassenes Esketamin und privat angebotene Ketamin-gestützte Psychotherapie sind unterschiedliche Angebote mit unterschiedlichen Voraussetzungen.
Auch bei den Kosten ist deshalb eine pauschale Aussage problematisch. Ob Leistungen übernommen werden, hängt unter anderem vom eingesetzten Arzneimittel, der Indikation, der behandelnden Einrichtung, dem Versorgungssetting und möglichen Bewilligungserfordernissen ab. Private KAP-Angebote können vollständig selbst zu bezahlen sein.
Wer eine solche Behandlung erwägt, sollte daher sowohl die medizinische Eignung als auch Kosten und mögliche Erstattung vor Beginn mit behandelnden Fachärzt*innen, Einrichtung und Krankenversicherung klären.
Vielleicht ist nicht der Durchbruch entscheidend, sondern das Zeitfenster
Ketamin wird manchmal dargestellt, als könne eine Substanz für wenige Stunden eine verschlossene Tür im Gehirn öffnen.
Das Bild ist reizvoll, aber zu einfach.
Wir wissen inzwischen recht gut, dass Ketamin bei bestimmten Menschen mit Depressionen ungewöhnlich schnell wirken kann. Wir wissen auch, dass es neuronale Prozesse beeinflusst, die mit Anpassungsfähigkeit und Lernen zusammenhängen. Und wir wissen, dass es das subjektive Erleben so verändern kann, dass Gedanken, Gefühle und das eigene Selbst zeitweise aus einer ungewohnten Perspektive erscheinen.
Was wir noch nicht genau wissen, ist, wie diese Ebenen zusammenspielen.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung der Ketamin-gestützten Psychotherapie. Eine Substanz muss ein psychisches Problem nicht selbst lösen, um therapeutisch interessant zu sein. Möglicherweise kann sie für kurze Zeit Bedingungen verändern, unter denen etwas anderes leichter wird: Abstand gewinnen, eine festgefahrene Überzeugung hinterfragen, eine Erfahrung neu einordnen.
Ketamin wäre dann weniger die eigentliche Antwort als ein vorübergehend geöffnetes Zeitfenster.
Was darin geschieht, bleibt eine Aufgabe der Therapie – und des Menschen selbst.

Sicherheit und Harm Reduction
Die Ketamin-gestützte Psychotherapie unterscheidet sich grundlegend von eigenständigem Ketaminkonsum. Während der akuten Wirkung können Schwindel, Übelkeit, Sedierung, Veränderungen der Wahrnehmung und dissoziative Zustände auftreten. Blutdruck und Herzfrequenz können vorübergehend ansteigen. Medizinische Ketamin- und Esketaminbehandlungen erfordern deshalb eine entsprechende Überwachung.
Bestimmte Herz-Kreislauf-Erkrankungen können gegen eine Behandlung sprechen. Auch psychotische oder manische Erkrankungen, Substanzgebrauchsstörungen sowie neurologische und internistische Erkrankungen müssen individuell berücksichtigt werden. Für Schwangerschaft und Stillzeit sowie für Kinder und Jugendliche gelten besondere medizinische Voraussetzungen.
Auch Wechselwirkungen sind relevant. Insbesondere die Kombination mit Alkohol, Opioiden, Benzodiazepinen oder anderen dämpfenden Substanzen kann zusätzliche Risiken verursachen. Bei häufigem oder hoch dosiertem nichtmedizinischem Gebrauch sind zudem Abhängigkeit sowie Schäden an Blase und Harnwegen bekannt.
Der entscheidende Unterschied zwischen Therapie und Selbstmedikation liegt deshalb nicht allein in der Dosis. In einem professionellen Setting werden Indikation, körperliche Risiken, psychische Reaktionen und der weitere therapeutische Prozess berücksichtigt.
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