Männergesundheit: Wenn der Körper anfängt, Fragen zu stellen

Ein Mann mit Kappe und Rucksack sitzt bei Sonnenuntergang auf einem Felsen und blickt entspannt über eine Küstenlandschaft.

Ein Mann sitzt beim Hausarzt. Eigentlich ist er wegen etwas anderem da. Vielleicht wegen Rückenschmerzen, vielleicht wegen eines neuen Blutdruckmedikaments. Erst kurz vor dem Aufstehen erwähnt er beiläufig, dass “es untenrum nicht mehr ganz so funktioniert”. Fast als Nachsatz.

Für die Medizin kann genau dieser Nachsatz wichtig sein.

Erektionsstörungen sind nicht nur eine Frage der Sexualität. Besonders wenn Gefäßveränderungen beteiligt sind, können sie mit denselben Faktoren zusammenhängen, die auch Herzinfarkt und Schlaganfall begünstigen: Bluthochdruck, Diabetes, erhöhte Blutfette, Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel. Die aktuellen Leitlinien der European Association of Urology betrachten eine erektile Dysfunktion deshalb ausdrücklich auch als möglichen Hinweis auf ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko.

Vielleicht erzählt gerade das etwas Grundsätzliches über Männergesundheit im Alter. Der Körper zerfällt nicht plötzlich in einzelne Probleme namens Herz, Prostata, Libido, Muskeln und Gedächtnis. Vieles hängt miteinander zusammen. Und einige der Themen, über die Männer am wenigsten gern sprechen, können medizinisch besonders aufschlussreich sein.

Gesund altern beginnt erstaunlich unspektakulär

Der Markt für “Healthy Aging” liebt komplizierte Lösungen. Nahrungsergänzungsmittel, Hormone, Biohacking, Blutanalysen, Pflanzenextrakte und Anti-Aging-Routinen vermitteln das Gefühl, Alterung müsse aktiv bekämpft werden.

Älterer Mann mit weißem Bart, Fahrradhelm und Sonnenbrille fährt sportlich mit dem Fahrrad.

Die wissenschaftlich überzeugendsten Maßnahmen wirken dagegen fast langweilig.

Bewegung gehört zu ihnen. Für Menschen ab 65 empfiehlt die WHO weiterhin 150 bis 300 Minuten moderate Ausdaueraktivität pro Woche oder 75 bis 150 Minuten intensive Bewegung. Zusätzlich sollen mindestens zweimal wöchentlich die großen Muskelgruppen trainiert werden. Bei älteren Menschen kommen Übungen für Gleichgewicht und funktionelle Beweglichkeit hinzu. Auch die österreichischen Bewegungsempfehlungen folgen diesem Prinzip.

Das Ziel ist dabei nicht, mit 70 auszusehen wie mit 30.

Es geht um etwas Praktischeres: eine Einkaufstasche tragen können. Ohne Hilfe von einem Sessel aufstehen. Treppen steigen. Nach einem Stolpern das Gleichgewicht wiederfinden. Mit Freund*innen durch eine Stadt gehen, einen Garten bearbeiten, Rad fahren oder mit einem Hund eine längere Runde machen.

Muskelmasse wird dabei mit zunehmendem Alter immer wichtiger. Krafttraining erhält nicht nur Kraft, sondern unterstützt Funktionen, von denen Selbstständigkeit im Alltag abhängt. Gleichzeitig beeinflusst regelmäßige Bewegung Herz-Kreislauf-Risiko, Stoffwechsel, psychisches Wohlbefinden, Schlaf und kognitive Gesundheit.

Gesundes Altern bedeutet deshalb weniger, das Alter aufzuhalten, als körperliche Reserve zu bewahren.

Das Herz beginnt nicht erst bei Brustschmerzen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen entwickeln sich häufig lange, bevor jemand etwas davon bemerkt. Bluthochdruck kann jahrelang symptomlos bleiben. Auch erhöhte Cholesterinwerte oder beginnende Stoffwechselstörungen fühlen sich zunächst nicht wie Krankheiten an.

Gerade deshalb gehört Prävention nicht erst ins hohe Alter.

Blutdruck, Blutfette, Blutzucker, Rauchen, Bewegung und Körpergewicht gehören zu den klassischen veränderbaren Faktoren, auf die moderne Herz-Kreislauf-Prävention schaut. Interessanterweise tauchen dieselben Faktoren auch dort auf, wo viele Männer sie zunächst nicht erwarten würden: bei der Sexualfunktion.

Eine Erektion ist nämlich auch ein Gefäßereignis. Blutgefäße müssen sich erweitern, der Blutfluss muss funktionieren, Nerven und hormonelle Signale müssen zusammenspielen. Erkrankungen der Gefäße können diese feine Physiologie früh beeinträchtigen.

Eine neu aufgetretene Erektionsstörung einfach als normale Alterserscheinung abzutun, kann deshalb zu kurz greifen. Sie ist kein Beweis für eine Herzkrankheit. Aber sie kann ein guter Anlass sein, Blutdruck, Stoffwechsel und kardiovaskuläres Risiko genauer anzusehen.

Infografik zum Endothel als inneres Versorgungsnetz des Körpers mit Darstellung des menschlichen Gefäßsystems, Herz, Blutgefäßen und Funktionen wie Schutz, Transport, Kommunikation und Versorgung.

Das verändert auch die Bedeutung des Problems. Aus einem vermeintlichen Versagen wird ein gesundheitliches Signal.

Sexualität altert anders als das Klischee

Natürlich verändert sich Sexualität mit dem Alter. Erregung kann langsamer entstehen, Erektionen können weniger spontan oder weniger stabil sein. Erkrankungen, Medikamente, Schlafprobleme, Stress und hormonelle Veränderungen können ebenfalls eine Rolle spielen.

Aber aus “anders” folgt nicht automatisch “vorbei”.

Libido ist zudem kein einfacher Testosteronmesser. Sie entsteht aus körperlicher Gesundheit, Hormonen, Nervensystem, Beziehung, Stress, Stimmung, Selbstbild, Berührung und Lebenssituation. Dass ein Mann weniger Lust verspürt, kann deshalb ebenso wenig mit einem einzigen Laborwert erklärt werden wie Müdigkeit oder Antriebslosigkeit.

Gerade hier begegnet man auf psychonaut.eu mehreren Pflanzen, deren kulturelle Geschichte eng mit männlicher Vitalität verbunden ist.

Maca, Lepidium meyenii, ist ein besonders schönes Beispiel. Die Pflanze aus den peruanischen Anden wird international gern als “natürliches Viagra” oder Testosteron-Booster vermarktet. Einige kleine Humanstudien fanden tatsächlich Hinweise auf Veränderungen des sexuellen Verlangens oder einzelner Aspekte der Sexualfunktion. Bemerkenswert ist jedoch: Der Testosteronspiegel steigt dabei nicht zuverlässig an. Die Gleichung “mehr Testosteron = mehr Libido” funktioniert also schon hier erstaunlich schlecht.

Zwei Hände halten mehrere gelbliche Maca-Wurzeln mit feinen Wurzelresten.

Auch Muira Puama, Ptychopetalum olacoides, trägt mit dem Namen “Potenzholz” eine ziemlich eindeutige Erwartung mit sich herum. Ethnobotanisch ist die Pflanze tatsächlich als Aphrodisiakum und Tonikum interessant. Für männliche Sexualstörungen fehlen bislang allerdings hochwertige placebokontrollierte Humanstudien. Der größere traditionelle Zusammenhang umfasste ohnehin nicht nur Sexualität, sondern auch Erschöpfung, Antrieb, Stimmung und das Gefühl verlorener Kraft.

Vielleicht ist gerade das interessanter als die Vorstellung einer pflanzlichen Potenzpille: Begehren existiert nicht unabhängig davon, wie sich ein Mensch insgesamt fühlt.

Und was ist mit Testosteron?

Mit dem älter werdenden Mann ist eine ganze Industrie entstanden, die praktisch jede Müdigkeit, Gewichtszunahme oder sexuelle Veränderung als “Low T” interpretiert.

So einfach ist die Sache nicht.

Ein medizinisch relevanter Testosteronmangel wird nicht anhand eines Instagram-Fragebogens diagnostiziert. Beschwerden und wiederholt bestimmte Hormonwerte müssen gemeinsam beurteilt werden. Schlaf, Übergewicht, Erkrankungen und Medikamente können das Hormonsystem ebenfalls beeinflussen.

Spannend ist in diesem Zusammenhang Tongkat Ali, Eurycoma longifolia. Einige kleinere klinische Studien und eine Metaanalyse fanden bei Männern, insbesondere bei bereits niedrigen Testosteronwerten, mögliche Anstiege des Gesamttestosterons sowie Veränderungen von Wohlbefinden und Libido. Die Studienbasis ist jedoch klein und verwendet häufig standardisierte Spezialextrakte.

Zwei Hände halten grob geschnittene Stücke der Tongkat-Ali-Wurzel im Freien.

Hinzu kommt eine wichtige europäische Sicherheitsfrage: Die EFSA bewertete einen spezifischen untersuchten Tongkat-Ali-Wurzelextrakt hinsichtlich möglicher DNA-schädigender Effekte kritisch. Das macht Tongkat Ali zu einem interessanten Forschungsobjekt, aber zu einem schlechten Kandidaten für die Botschaft “Männer ab 50 sollten das nehmen”.

Gerade bei Hormonthemen ist mehr nicht automatisch besser.

Die Prostata und das schwierige Wort “Vorsorge”

Kaum ein Organ wird so sehr mit dem älter werdenden Mann verbunden wie die Prostata.

Dabei werden verschiedene Dinge schnell miteinander vermischt. Eine gutartige Vergrößerung der Prostata ist nicht dasselbe wie Prostatakrebs. Häufiger Harndrang oder ein schwächerer Harnstrahl bedeuten ebenfalls nicht automatisch Krebs. Umgekehrt kann ein Prostatakarzinom lange ohne auffällige Beschwerden bestehen.

Auch die Früherkennung ist differenzierter geworden.

Auch die Früherkennung ist differenzierter geworden. In Österreich empfiehlt die Österreichische Krebshilfe Männern ab 45 Jahren eine regelmäßige Prostatakrebs-Früherkennungsuntersuchung. Bei familiärer Vorbelastung, insbesondere wenn Vater oder Bruder an Prostatakrebs erkrankt sind oder waren, wird ein Beginn ab 40 Jahren empfohlen. Internationale Leitlinien verfolgen ebenfalls einen risikoadaptierten Ansatz: Die European Association of Urology empfiehlt ein PSA-basiertes Testen ab 50 Jahren für Männer ohne zusätzliche Risikofaktoren, ab 45 bei familiärer Belastung oder afrikanischer Abstammung und ab 40 bei BRCA2-Mutation. Alter, Vorerkrankungen und Lebenserwartung spielen bei der individuellen Entscheidung ebenfalls eine Rolle.

Zuschauerinnen und Zuschauer in einem Fußballstadion unter einer großen Anzeigetafel mit der Aufschrift "Geh zur Prostata-Vorsorge!"

Der PSA-Wert ist dabei kein Krebsdiagnosetest. Ein erhöhter Wert kann verschiedene Ursachen haben. Moderne Diagnostik versucht deshalb, unnötige Biopsien und Überdiagnosen durch wiederholte Messungen, Risikomodelle und insbesondere die Magnetresonanztomografie besser zu vermeiden.

Prävention bedeutet hier also auch: informiert entscheiden statt aus Angst entweder alles oder gar nichts untersuchen zu lassen.

Die Angst vor dem Vergessen

Vielleicht gibt es im Alter kaum eine Gesundheitsangst, die so unmittelbar die eigene Identität berührt wie Demenz.

Ein schwächeres Knie ist ärgerlich. Die Vorstellung, Erinnerungen, Orientierung oder vertraute Menschen zu verlieren, trifft eine andere Ebene.

Gerade deshalb gedeiht rund um Gehirngesundheit ein riesiger Markt für Nootropika, Pilze und “Neuroprotektion”. Manche Forschungsrichtungen dahinter sind durchaus spannend.

Hericium, Hericium erinaceus, ist dafür ein gutes Beispiel. Inhaltsstoffe wie Hericenone und Erinacine werden präklinisch im Zusammenhang mit Nervenwachstumsfaktoren, neuronaler Plastizität und Neuroinflammation untersucht. Eine kleine Studie mit älteren Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung fand während der Einnahme Verbesserungen auf einer kognitiven Skala. Für eine belegte Demenzprävention reicht das nicht. Als Forschungsfrage ist der Pilz dennoch bemerkenswert.

Hericium erinaceus Pilz (Lion’s Mane) mit weißen, langen Stacheln wächst am Fuß eines Baumes zwischen Herbstlaub.

Ausgerechnet die wesentlich weniger exotischen Dinge haben momentan die solidere Evidenz.

Die Lancet Commission zur Demenzprävention identifizierte 2024 insgesamt 14 potenziell veränderbare Risikofaktoren. Dazu gehören unter anderem Bluthochdruck, erhöhtes LDL-Cholesterin, Diabetes, Rauchen, körperliche Inaktivität, Depression, soziale Isolation sowie unbehandelter Hör- und Sehverlust. Die zentrale Idee dahinter ist wichtig: Ein Teil des Demenzrisikos entsteht über Jahrzehnte und hängt eng mit Gefäßgesundheit, Sinneswahrnehmung, sozialem Leben und körperlicher Aktivität zusammen.

Was dem Herzen hilft, hilft damit erstaunlich oft auch dem Gehirn.

Der unterschätzte Mental Load des männlichen Alterns

Gesundheitsprävention wird häufig als Liste messbarer Größen beschrieben: Blutdruck, Gewicht, PSA, Cholesterin, Glukose.

Doch Männer altern nicht als Ansammlung von Laborwerten.

Was geschieht psychisch, wenn der eigene Körper plötzlich Dinge nicht mehr selbstverständlich kann? Wenn eine Erektion ausbleibt? Wenn Haare verschwinden, der Bauch wächst, Muskeln langsamer reagieren oder ein Name zum dritten Mal nicht einfällt?

Viele dieser Veränderungen berühren Vorstellungen von Männlichkeit: leistungsfähig sein, funktionieren, unabhängig bleiben, sexuell potent sein, keine Hilfe brauchen.

Älterer grauhaariger Mann sitzt allein auf einer Parkbank und blickt bei Sonnenuntergang über eine Wiese.

Genau deshalb können Erektionsstörungen, Libidoverlust oder die Angst vor Demenz einen erstaunlichen Mental Load erzeugen. Man beobachtet sich selbst. Vergleicht sich mit früher. Vermeidet vielleicht Sexualität, weil ein weiteres “Versagen” peinlich wäre. Oder erzählt sich, die Gedächtnislücke von gestern müsse bereits Alzheimer gewesen sein.

Stress selbst kann wiederum Schlaf, Sexualität und körperliches Wohlbefinden beeinflussen.

Hier liegt auch der plausiblere Platz für Pflanzen wie Ashwagandha, Withania somnifera. Nicht als Anti-Aging-Mittel, sondern als ethnobotanisch und pharmakologisch interessante Pflanze im Kontext von Stress und Schlaf. Mehrere kleinere randomisierte Studien mit standardisierten Extrakten fanden Veränderungen bei subjektivem Stress und teilweise bei Cortisol oder Schlafparametern. Die Präparate und Studien unterscheiden sich allerdings erheblich.

Auch das ist Männergesundheit: nicht jede Belastung in Schweigen zu verwandeln.

Vielleicht ist Prävention weniger männlich, als wir sie lange erzählt haben

Das klassische Bild von Gesundheit ist erstaunlich mechanisch. Etwas funktioniert, bis es kaputtgeht. Dann wird es repariert.

Beim älter werdenden Körper funktioniert dieses Modell schlecht.

Herzgesundheit beginnt lange vor dem Herzinfarkt. Muskelerhalt lange vor dem ersten Sturz. Demenzprävention Jahrzehnte vor einer Diagnose. Ein Gespräch über die Prostata lange vor ernsten Symptomen. Und manchmal beginnt Herz-Kreislauf-Prävention sogar mit einem Satz, den ein Mann seinem Arzt beinahe nicht gesagt hätte: “Mit der Erektion stimmt etwas nicht mehr.”

Pflanzen wie Maca, Ashwagandha, Tongkat Ali oder Muira Puama und Pilze wie Hericium erinaceus zeigen, wie lange Menschen versucht haben, Kraft, Begehren, Erschöpfung und Altern mit Naturstoffen zu beeinflussen. Manche dieser Traditionen haben interessante Forschungsfragen hervorgebracht. Einige liefern erste klinische Signale. Andere bleiben vor allem kulturgeschichtlich spannend.

Doch die wirksamste Idee des gesunden Alterns steckt wahrscheinlich nicht in einer einzelnen Wurzel.

Sie steckt in der Erkenntnis, dass Herz, Muskeln, Sexualität, Stoffwechsel, Gehirn und psychisches Wohlbefinden keine voneinander getrennten Systeme sind.

Vielleicht muss Männergesundheit deshalb nicht bedeuten, möglichst lange so zu tun, als würde man nicht älter werden.

Vielleicht bedeutet sie eher, früh genug hinzusehen.

Lächelnder älterer Mann mit grauen Haaren und Jeansjacke sitzt draußen an einem See zwischen Bäumen.

Quellen

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https://www.krebshilfe.net/information/krebsfrueherkennung/prostatakrebs-frueherkennung