Ketamin

Makroaufnahme farbloser, transparenter Kristalle mit länglicher, prismatischer Form in einem transparenten Plastikbeutel. Das Material wird als Ketamin dargestellt.

Steckbrief

Name: (R,S)-Ketamin
Stoffklasse: Arylcyclohexylamin, dissoziatives Anästhetikum
Summenformel: C13H16ClNO
Entwicklung: Anfang der 1960er-Jahre
Medizinische Verwendung: Narkose, Sedierung und Schmerztherapie; Esketamin außerdem zur Behandlung bestimmter therapieresistenter Depressionen
Wirkmechanismus: vor allem nichtkompetitive Hemmung von NMDA-Rezeptoren; weitere neuronale Signalwege werden beeinflusst
Wirkungscharakter: anästhetisch, analgetisch und dissoziativ; abhängig von Kontext und Exposition auch wahrnehmungsverändernd
Besonderheit: verbindet eine lange Geschichte als unverzichtbares Narkosemittel mit einer vergleichsweise jungen Rolle in der psychiatrischen Forschung

Ketamin-Strukturformel: chemische Darstellung der beiden Enantiomere S-Ketamin und R-Ketamin.
Strukturformeln zu S-Ketamin und R-Ketamin

Zwischen Narkose, Dissoziation und neuer Psychiatrie: ein Arzneimittel mit mehreren Gesichtern

Nur wenige Moleküle wechseln so mühelos zwischen Welten, die auf den ersten Blick kaum zusammengehören. Ketamin begegnet Ärzt*innen im Operationssaal, Rettungskräften in der Notfallmedizin, Tierärzt*innen in der Praxis und Psychiater*innen in spezialisierten Ambulanzen. Gleichzeitig gehört es seit Jahrzehnten zur Geschichte bestimmter Club- und Subkulturen.

Diese ungewöhnliche Laufbahn hat Ketamin mit widersprüchlichen Bildern überzogen. Für die einen ist es ein bewährtes Narkosemittel. Andere kennen es als dissoziative Droge, die Körpergefühl, Raumwahrnehmung und Ich-Erleben tiefgreifend verändern kann. Seit den frühen 2000er-Jahren kam ein weiteres Bild hinzu: Ketamin als Wirkstoff, der depressive Symptome bei manchen Patient*innen innerhalb weniger Stunden beeinflussen kann.

Der Stoff passt deshalb nur bedingt in vertraute Kategorien. Ketamin ist kein klassisches Psychedelikum wie LSD oder Psilocybin. Es wirkt nicht primär über den Serotoninrezeptor 5-HT2A, sondern greift vor allem in das glutamaterge System des Gehirns ein. Seine Geschichte handelt weniger von Visionen als von Distanz: vom zeitweiligen Auseinandertreten dessen, was normalerweise als Einheit erlebt wird – Körper, Umgebung, Erinnerung und Selbst.

Vom problematischen Vorgänger zum neuen Anästhetikum

Ketamin wurde 1962 von dem Chemiker Calvin Stevens im Auftrag des US-amerikanischen Pharmaunternehmens Parke-Davis synthetisiert. Gesucht wurde ein besser steuerbarer Nachfolger für Phencyclidin, kurz PCP. Dieses erzeugte zwar eine wirksame Narkose, konnte jedoch lang anhaltende Verwirrtheit, Unruhe und psychotisch anmutende Zustände hervorrufen.

Ketamin wirkte kürzer und ließ sich medizinisch besser handhaben. In den 1960er-Jahren wurde es erstmals an Menschen untersucht. Der Begriff “dissoziative Anästhesie” sollte beschreiben, was dabei beobachtet wurde: Patient*innen konnten äußerlich wach erscheinen, reagierten jedoch kaum auf Schmerz und waren von ihrer Umgebung eigentümlich abgetrennt.

Anders als viele klassische Narkosemittel unterdrückt Ketamin Atmung und Kreislauf bei fachgerechter Anwendung häufig weniger stark. Schutzreflexe bleiben teilweise erhalten, Herzfrequenz und Blutdruck können sogar ansteigen. Diese Eigenschaften machten den Wirkstoff besonders dort wertvoll, wo eine komplexe technische Infrastruktur fehlte – etwa in der Notfallmedizin, bei Katastropheneinsätzen oder in medizinisch schlecht versorgten Regionen.

Ketamin wurde damit nicht nur zu einem Medikament moderner Operationssäle. Es ist auch ein pragmatisches Arzneimittel: vergleichsweise robust, schnell wirksam und in Situationen einsetzbar, in denen jede zusätzliche Minute zählt.

Zwei Spiegelbilder desselben Moleküls

Chemisch liegt Ketamin in zwei spiegelbildlichen Formen vor. Diese sogenannten Enantiomere werden als S-Ketamin beziehungsweise Esketamin und R-Ketamin beziehungsweise Arketamin bezeichnet. Das klassische Ketamin enthält beide Formen zu gleichen Teilen und wird deshalb als Razemat bezeichnet.

Die beiden Varianten besitzen dieselbe Summenformel, unterscheiden sich jedoch in ihrer räumlichen Struktur. Für biologische Systeme ist dieser Unterschied keineswegs nebensächlich. Rezeptoren, Enzyme und Transportproteine sind selbst dreidimensional aufgebaut und können spiegelbildliche Moleküle unterschiedlich stark binden.

Depressionen: erschöpfte Person mit geschlossenen Augen hält sich die Hand vors Gesicht.

Esketamin besitzt eine höhere Bindungsaffinität zum NMDA-Rezeptor und wird seit Langem als eigenständiges Anästhetikum verwendet. Als Nasenspray ist es in der Europäischen Union außerdem für bestimmte Erwachsene mit therapieresistenter Depression zugelassen – in Kombination mit einem SSRI oder SNRI und unter direkter medizinischer Aufsicht. Arketamin wird ebenfalls intensiv erforscht, ist aber bislang kein entsprechend zugelassenes Antidepressivum.

Nach der Aufnahme wird Ketamin vor allem in der Leber verarbeitet. Dabei entstehen Metaboliten wie Norketamin und verschiedene Hydroxynorketamine. Einige davon sind pharmakologisch aktiv. Welche Bedeutung sie für die antidepressiven Eigenschaften besitzen, gehört weiterhin zu den offenen Fragen der Ketaminforschung.

Wenn Wahrnehmung ihre Verankerung verliert

Die subjektiven Wirkungen von Ketamin unterscheiden sich deutlich von jenen klassischer Psychedelika. Farben, Formen und Gedanken können sich zwar verändern, im Mittelpunkt steht jedoch häufig die Dissoziation.

Der eigene Körper kann weit entfernt, fremd oder ungewöhnlich leicht erscheinen. Bewegungen wirken verzögert. Geräusche verlieren ihre vertraute räumliche Ordnung. Manche Menschen berichten, sie würden sich selbst von außen beobachten oder durch abstrakte, schwer beschreibbare Räume bewegen. Zeit kann sich dehnen, zusammenfallen oder scheinbar ganz verschwinden.

Bei stärkerer Wirkung kann die Verbindung zur unmittelbaren Umgebung fast vollständig abbrechen. Umgangssprachlich wird ein solcher Zustand als “K-Hole” bezeichnet. Der Begriff klingt gelegentlich beinahe spielerisch, beschreibt jedoch eine intensive Erfahrung, die von völliger Geborgenheit bis zu Orientierungslosigkeit, Angst und Kontrollverlust reichen kann.

K-Hole bei Ketamin: zusammengesunkene Person auf einem Sofa als Symbolbild für starke Dissoziation nach Ketamin-Konsum.

Diese Zustände erklären, weshalb Ketamin manchmal in einem Atemzug mit Psychedelika genannt wird. Pharmakologisch und phänomenologisch bleibt die Zuordnung jedoch ungenau. Klassische Psychedelika verstärken häufig Assoziationen, emotionale Bedeutung und sensorische Muster. Ketamin kann dagegen gerade das Gefühl auflösen, dass Wahrnehmung, Körper und Identität selbstverständlich zusammengehören.

NMDA-Rezeptoren und das glutamaterge Gehirn

Der wichtigste bekannte Angriffspunkt von Ketamin ist der NMDA-Rezeptor. Er gehört zu den Rezeptoren für Glutamat, den bedeutendsten erregenden Botenstoff des menschlichen Gehirns. NMDA-Rezeptoren spielen bei Lernprozessen, Gedächtnisbildung, neuronaler Anpassung und Schmerzverarbeitung eine zentrale Rolle.

Ketamin blockiert den geöffneten Ionenkanal des Rezeptors. Vereinfacht gesagt verschließt es damit zeitweise einen Teil der Signalwege, über die Nervenzellen auf Glutamat reagieren. Die Folgen sind allerdings komplizierter, als das Wort “Blockade” vermuten lässt.

In manchen neuronalen Netzwerken scheint Ketamin zunächst hemmende Interneuronen zu beeinflussen. Dadurch können andere Nervenzellen vorübergehend enthemmt werden und vermehrt Glutamat freisetzen. Dieses aktiviert unter anderem AMPA-Rezeptoren. Nachgeschaltete Signalwege beziehen Proteine wie BDNF und dessen Rezeptor TrkB ein, die mit synaptischer Plastizität und der Anpassungsfähigkeit neuronaler Verbindungen verbunden sind.

Auch mTOR, eEF2, GSK-3, Entzündungsprozesse, Gliazellen und Ketaminmetaboliten werden untersucht. Viele Details stammen aus Zell- und Tiermodellen. Beim Menschen ist deshalb noch nicht abschließend geklärt, welche Mechanismen notwendig sind und welche eher begleitend auftreten.

Das heute verbreitete Bild lautet dennoch nicht mehr einfach: Ketamin dämpft Nervenzellen. Vielmehr scheint der Wirkstoff manche Netzwerke kurzfristig aus ihrem gewohnten Gleichgewicht zu bringen und dadurch Prozesse anzustoßen, die über seine eigentliche Anwesenheit im Körper hinausreichen.

Der überraschende Weg in die Depressionsforschung

Ende der 1990er-Jahre begann eine kleine Gruppe von Forscher*innen, Ketamin bei depressiven Erkrankungen systematisch zu untersuchen. Eine einflussreiche kontrollierte Studie aus dem Jahr 2000 zeigte, dass eine einzelne intravenöse Behandlung depressive Symptome überraschend rasch reduzieren konnte.

Das war bemerkenswert. Klassische Antidepressiva benötigen häufig mehrere Wochen, bis sich eine deutliche Wirkung beurteilen lässt. Bei Ketamin können Veränderungen bereits innerhalb von Stunden eintreten. Besonders intensiv wurde der Stoff deshalb bei Menschen untersucht, die auf mehrere herkömmliche Behandlungen nicht ausreichend angesprochen hatten.

Inzwischen belegen zahlreiche klinische Studien, dass Ketamin und Esketamin depressive Symptome kurzfristig verringern können. Auch Suizidgedanken können sich bei manchen Patient*innen rasch abschwächen. Die Reaktion ist jedoch nicht bei allen Menschen gleich, und ohne weitere Behandlung hält der Effekt häufig nur begrenzte Zeit an.

Ketamin-Wirkung: psychedelisch anmutende Illustration einer veränderten Wahrnehmung und dissoziativen Erfahrung.

Für Esketamin-Nasenspray besteht in der Europäischen Union eine Zulassung bei therapieresistenter Major Depression. Die Anwendung erfolgt gemeinsam mit einem herkömmlichen Antidepressivum und in einer medizinischen Einrichtung. Blutdruck, Wachheit und psychischer Zustand werden überwacht, weil vorübergehend Dissoziation, Schwindel, Übelkeit, Müdigkeit und Kreislaufveränderungen auftreten können.

Racemisches Ketamin wird in der Psychiatrie ebenfalls eingesetzt, je nach Land und Indikation jedoch häufig außerhalb seiner formalen Zulassung. “Off-Label” bedeutet nicht automatisch experimentell oder unseriös. Es bedeutet zunächst, dass eine ärztliche Anwendung von der offiziell genehmigten Produktinformation abweicht und besonders sorgfältig begründet werden muss.

Ist die Erfahrung selbst therapeutisch?

Eine der spannendsten offenen Fragen betrifft die Rolle des subjektiven Erlebens. Muss ein Mensch während einer Ketaminbehandlung deutlich dissoziieren, damit eine antidepressive Wirkung entsteht? Oder ist die Erfahrung lediglich eine Begleiterscheinung der zugrunde liegenden Pharmakologie?

Studien liefern bislang kein einheitliches Bild. Manche Arbeiten finden Zusammenhänge zwischen bestimmten dissoziativen Zuständen und späterer Besserung, andere nicht. Hinzu kommt, dass Ketaminbehandlungen sehr unterschiedlich gestaltet werden. In manchen Kliniken steht die medizinisch überwachte Verabreichung im Vordergrund. Andere Angebote verbinden den Wirkstoff ausdrücklich mit psychotherapeutischer Vorbereitung, Begleitung und Integration. Außerdem wird auch mittels Ketamin-Infusionen an neuen Thereapieansätzen geforscht.

Ketamin-Therapie mit Infusion: medizinische Ketamin-Behandlung einer liegenden Person mit Schlafmaske und Kopfhörern.

Für die sogenannte ketamingestützte Psychotherapie gibt es vielversprechende Ansätze, unter anderem bei Depressionen, Traumafolgestörungen und Abhängigkeitserkrankungen. Die klinische Evidenz ist jedoch weniger standardisiert als bei der medikamentösen Behandlung der therapieresistenten Depression. Untersucht werden unterschiedliche Verfahren, Patient*innengruppen und psychotherapeutische Modelle.

Plausibel erscheint, dass ein vorübergehend verändertes Erleben psychotherapeutische Prozesse unterstützen kann. Menschen berichten etwa von größerer emotionaler Distanz zu belastenden Gedanken oder von neuen Blickwinkeln auf festgefahrene Erfahrungen. Solche Berichte sind ernst zu nehmen, belegen aber noch keinen allgemein gültigen Wirkmechanismus. Eine eindrucksvolle Sitzung ist nicht automatisch eine nachhaltige Therapie.

Warum Ketamin heute so viel Aufmerksamkeit erhält

Kaum ein anderer Wirkstoff hat die Psychiatrie in den vergangenen zwei Jahrzehnten so überrascht wie Ketamin. Seine ungewöhnlich schnelle Wirkung bei einem Teil der Menschen mit therapieresistenter Depression hat die Forschung dazu angeregt, etablierte Vorstellungen über die Entstehung und Behandlung psychischer Erkrankungen neu zu überdenken. Statt sich ausschließlich auf Serotonin, Noradrenalin oder Dopamin zu konzentrieren, rückte plötzlich das glutamaterge System und die Frage in den Mittelpunkt, wie sich neuronale Netzwerke verändern und neu organisieren können. Begriffe wie Neuroplastizität sind dadurch weit über wissenschaftliche Fachkreise hinaus bekannt geworden.

Gleichzeitig erlebt Ketamin eine ambivalente öffentliche Aufmerksamkeit. Während Kliniken und Universitäten seinen therapeutischen Nutzen weiter erforschen, taucht der Wirkstoff regelmäßig in Berichten über Freizeitkonsum und Partyszene auf. Gerade diese Gegensätze – medizinischer Fortschritt auf der einen, Missbrauch und Gesundheitsrisiken auf der anderen Seite – machen Ketamin heute zu einem der meistdiskutierten psychoaktiven Arzneistoffe überhaupt.

Zwischen Klinik, Club und kultureller Projektion

Außerhalb der Medizin verbreitete sich Ketamin zunächst in kleineren Szenen und später zunehmend in der Clubkultur. Seine vergleichsweise kurze Wirkung und die eigenwillige Mischung aus Entrückung, Körperveränderung und inneren Bildern passten zu Umgebungen, in denen Musik, Licht und repetitive Bewegung ohnehin ein verändertes Raumgefühl erzeugen.

Seinen Ruf als Partydroge erhielt Ketamin vor allem in den 1990er-Jahren. Unter dem Namen “Special K” verbreitete sich der Wirkstoff zunächst in der britischen Rave- und Clubszene und später auch international. Während MDMA für Euphorie, Nähe und gemeinschaftliches Tanzen stand, erzeugte Ketamin häufig das Gegenteil: Rückzug, ein verändertes Körpergefühl und eine oft introspektive Distanz zur Umgebung. Gerade in ruhigeren Bereichen von Clubs oder auf Afterhours passte diese Erfahrung für manche Menschen überraschend gut zu sphärischen Ambient-Klängen, experimenteller Elektronik oder den monotonen Rhythmen des aufkommenden Techno. Diese kulturelle Verankerung erklärt bis heute, weshalb Ketamin in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit elektronischer Musikkultur verbunden wird – obwohl seine medizinische Geschichte deutlich älter ist.

Dabei entwickelte sich eine eigene Sprache. Begriffe wie “K-Hole” machten intensive Dissoziation kulturell erzählbar. Gleichzeitig wurde Ketamin gelegentlich als “Pferdebetäubungsmittel” verspottet – eine Bezeichnung, die mehr verschleiert als erklärt. Der Wirkstoff wird tatsächlich in der Veterinärmedizin verwendet, ist aber ebenso seit Jahrzehnten ein wichtiges Humanarzneimittel.

Ketamin und K-Hole: abstrakte Darstellung von Dissoziation und veränderter Wahrnehmung.

Heute wird Ketamin manchmal gemeinsam mit Psilocybin, LSD und MDMA unter dem Schlagwort “psychedelische Renaissance” eingeordnet. Wissenschaftlich ist diese Gruppierung nur teilweise sinnvoll. Sie beschreibt eher eine kulturelle Bewegung als eine einheitliche Pharmakologie.

Genau darin liegt eine Gefahr. Der therapeutische Ruf des Wirkstoffs kann den Eindruck erwecken, nichtmedizinischer Konsum sei grundsätzlich heilend. Klinische Behandlung und unkontrollierte Verwendung unterscheiden sich jedoch wesentlich: in Reinheit, Umgebung, Auswahl der Patient*innen, medizinischer Überwachung und langfristiger Begleitung.

Ein Molekül, das einfache Erzählungen verweigert

Ketamin ist weder Wundermittel noch bloß Partydroge. Es ist ein bedeutendes Anästhetikum, ein ungewöhnliches Dissoziativum und eines der wichtigsten Werkzeuge der modernen Depressionsforschung.

Seine rasche antidepressive Wirkung hat eine alte Annahme erschüttert: dass Veränderungen depressiver Symptome zwangsläufig Wochen benötigen. Zugleich zwingt Ketamin die Forschung, neu über Glutamat, synaptische Plastizität und das Verhältnis zwischen biologischer Wirkung und subjektiver Erfahrung nachzudenken.

Vielleicht liegt genau darin die bleibende Bedeutung von Ketamin. Der Wirkstoff liefert keine einfache Antwort darauf, was Bewusstsein oder Heilung ausmacht. Er erinnert vielmehr daran, dass unser Erleben kein starrer Zustand ist, sondern ein biologischer Prozess, der sich erstaunlich schnell verändern kann. Genau deshalb beschäftigt Ketamin heute nicht nur Anästhesist*innen und Psychiater*innen, sondern ebenso Neurowissenschaftler*innen, Philosoph*innen und all jene, die verstehen möchten, wie Bewusstsein überhaupt entsteht.

Ketamin-Wirkung im Gehirn: Illustration von Nervenzellen, neuronalen Verbindungen und Signalübertragung.

Sicherheit und Harm Reduction

Ketamin besitzt ein reales Abhängigkeits- und Schadenspotenzial. Besonders problematisch ist häufiger oder hochintensiver Konsum. Toleranz kann dazu führen, dass zunehmend mehr verwendet wird, während sich das Leben immer stärker um den nächsten dissoziativen Zustand dreht.

Akut können Koordination, Orientierung und Urteilsfähigkeit deutlich eingeschränkt sein. Stürze, Verkehrsunfälle und Verletzungen werden unter Umständen nicht sofort wahrgenommen, weil Ketamin Schmerzen dämpft. Bewusstseinsstörungen und Erbrechen können gefährlich werden. Mischkonsum mit Alkohol, Opioiden, Benzodiazepinen oder anderen stark dämpfenden Substanzen erhöht das Risiko für Bewusstlosigkeit, Aspiration und Atemprobleme.

Besondere Vorsicht ist bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, unkontrolliertem Bluthochdruck, psychotischen Erkrankungen, schweren Leber- oder Nierenerkrankungen sowie während Schwangerschaft und Stillzeit erforderlich. Menschen in psychischen Krisen sollten Ketamin nicht zur Selbstbehandlung verwenden. Auch eine medizinische Wirkung gegen Depressionen macht den Stoff nicht zu einem frei einsetzbaren Antidepressivum.

Ein charakteristisches Langzeitrisiko ist die ketamininduzierte Uropathie. Häufiger Konsum kann Entzündungen und strukturelle Schäden an Blase und Harnwegen verursachen. Frühe Warnzeichen sind starker Harndrang, häufiges Wasserlassen, Brennen, Blut im Urin sowie Schmerzen im Unterbauch. Ohne Konsumpause und medizinische Behandlung können Blase, Harnleiter und Nieren dauerhaft geschädigt werden. Solche Beschwerden sollten rasch urologisch abgeklärt werden.

Auch anhaltende Bauchschmerzen, Gedächtnisprobleme, depressive Einbrüche, Kontrollverlust oder ein wachsender Zwang zum Konsum sind Gründe, frühzeitig professionelle Unterstützung zu suchen. Eine Pause ist bei ersten Beschwerden keine übertriebene Vorsichtsmaßnahme, sondern kann entscheidend sein.

In Österreich unterliegt Ketamin als psychotroper Stoff dem Suchtmittelrecht. Medizinische Verwendung erfolgt auf ärztliche Verordnung; vorschriftswidriger Erwerb, Besitz oder Handel können strafrechtliche Folgen haben.

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